06.02.2010
Pfarrberuf und Management
Dritte Langzeit-Fortbildung „Spirituelles Gemeindemanagement“ soll 2011 starten
Passt das zusammen: Pfarrberuf und Management? Tatsache ist, dass heutige Pfarrerinnen und Pfarrer neben ihren „Kernaufgaben“ in Predigt, Seelsorge und Unterricht oft vielfältige Leitungsverantwortung übernehmen müssen. Verwaltung, Personalführung, Gebäude- und Finanzmanagement, Konfliktbearbeitung und Öffentlichkeitsarbeit sind einige dieser Bereiche, die im Theologiestudium und Vikariat kaum gestreift werden. Nicht zuletzt krankt es oftmals an der Fähigkeit zur Selbstorganisation und an der richtigen Zeiteinteilung. Ganz zu schweigen von fehlenden Absprachen mit den Ehrenamtlichen in der Gemeindeleitung.„Spirituelles Gemeindemanagement“ nennt sich eine Langzeitfortbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer, die hier Abhilfe schaffen möchte. Sie wird bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit dem Greifswalder Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung und als Joint Venture zwischen Baden und Württemberg angeboten. „Man kann Dinge besser machen, und das Evangelium hat es verdient”, so Professor Dr. Michael Herbst aus Greifswald, der höchtspersönlich als Referent bei den Kurswochen im Stift Urach und im badischen Nonnenweier mitwirkt.
Fünf Leitungskompetenzen möchte die Fortbildung vermitteln:
►Zeitgemäße Visionen für Gemeinde und Kirche aus der Lektüre der Bibel entwickeln
►Beten und Planen verknüpfen – Spiritualität als Offenheit für den Geist Gottes
►Leitbilder entwickeln, unter anderem mit Hilfe von Moderations- und Präsentationstechniken
►Kommunikativen und partizipatorischen Leitungsstil einüben
►Marketing- und Managementtechniken kennen lernen.
Bischof Hans-Jürgen Abromeit plädiert in der Einleitung seines Buches zum „Spirituellen Gemeindemanagement“ für „ein am Endverbaucher orientiertes Denken“. „Eine Einübung in marketingorientiertes Denken kann darum einer Kirche, die in der Gefahr steht, um sich selbst zu kreisen, helfen, auf die Menschen, für die sie eigentlich da ist, zuzugehen. Kirchliches Leben wird heute von vielen als eine Veranstaltung von Kirchenleuten für Kirchenleute empfunden“ (27). Und der Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche setzt noch eins drauf: „Diese staatsanaloge, behördenförmige Organisationsform der Kirche ist überholt.“ Die theologische Ausbildung muss sich seiner Ansicht nach „ausrichten, an den Erfordernissen des Berufsalltags späterer Pfarrerinnen und Pfarrer“.
„Spirituelles Gemeindemanagement“ versteht sich daher auch als Crash-Kurs in Sachen Organisation und Planung. Klaus-Martin Strunk, Diplom-Kaufmann und selbstständiger Unternehmensberater aus der Nähe von Münster und einer der Referenten, versteht es, auf lockere Art Managementfähigkeiten zu vermitteln. Von der Vision geht es über die Analyse und der Definition der Zielgruppe („relevanter Markt“) zur Konzept-Entwicklung. Beim Konzept sei neben der Strategie (Plan) und der Struktur (Organisation) die Bedeutung der Gemeindekultur nicht zu unterschätzen, sagt Strunk. Folgende Fragen könnten leitend sein: „Wofür stehen wir?“, „Was sind unsere Prinzipien?“, „Wie steht es mit unserem Glauben?“, „Welchen Stil prägen wir“. Ja, es gibt so etwas wie eine Körpersprache der Gemeinde.
Nicht zuletzt gilt es aber, eine gute Idee auf den Boden zu kriegen. Wie sieht das Angebot genau aus? Was muss der mögliche Nutzer dafür an Zeit und/oder Geld investieren? Welche Räume stehen dafür zur Verfügung? Welches „Personal“ wird benötigt? Welche Form von Öffentlichkeitsarbeit ist geplant? Egal, ob es um ein Gemeindefest, ein Osterfrühstück oder einen Glaubenskurs geht, letztlich müssen alle diese Punkte bedacht werden.
Aber „Spirituelles Gemeindemanagement“ will mehr sein als ein Managementkurs für Ordinierte. Es geht darum, auch im operativen Geschäft damit zu rechnen, dass Gottes Geist lenkt und leitet. Es war für mich eine neue Erfahrung, mit Kollegen im Zweier- oder Dreier-Gespräch bei einem Gebetsspaziergang pfarramtliche Probleme auszutauschen und ganz konkret dafür zu beten. Andachten oder gesungene Tagzeitengebete und das tägliche „Bibel teilen“ strukturieren den Tagesablauf der Kurswochen. Eine besondere Hausforderung ist es, mit dem Halbmarathonläufer Michael Herbst frühmorgens zum Frühsport aufzubrechen. Jede Kurswoche wird mit einem Abendmahlsgottesdienst und der Möglichkeit zur persönlichen Segnung abgeschlossen.
Michael Herbst ist überzeugt, dass sich „Spiritualität als gestaltetes Leben in der Nachfolge Jesu Christi“ und Management keineswegs ausschließen. „Wir wollen geistlich führen und leiten und zielgerichtet, strukturiert und professionell Prozesse der Gemeindeentwicklung mitgestalten“, sagt der Greifswalder Theologieprofessor. Die Betriebswirtschaftlehre nennt er eine „Kooperationsdisziplin“. Von ihr lässt sich „die prinzipielle Orientierung an den Menschen“ lernen.
Bischof Hans-Jürgen Abromeit, Prof. Dr. Michael Herbst, Klaus-Martin Strunk sowie Dr. Peter Böhlemann vom Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Landeskirche haben das „Spirituelle Gemeindemanagement“ in den 90er-Jahren entwickelt. Von 1999 an wurde die zweijährige Fortbildung zunächst in Westfalen, dann auch in Pommern, im Rheinland und im Kloster Volkenroda (Evangelische Kirche Mitteldeutschlands) angeboten. Seit 2007 läuft das „Spirituelle Gemeindemanagement“ mit Hilfe der Ämter für missionarische Dienste auch im Südwesten. Vier Kurswochen – je Halbjahr eine – sowie begleitende Supervisionsgruppen sorgen für den nötigen Theorie-Praxis-Mix. Ein Teilnehmer des baden-württembergischen Kurses 2007/2008 sagte: „Das war die beste Fortbildung meiner gesamten Berufslaufbahn.“ Ein dritter Durchgang wird derzeit geplant und soll im Februar 2011 starten. Vielleicht könnte künftig ein besonderes Augenmerk auf das Verhältnis von Ordinierten und Ehrenamtlichen gelegt werden.
Johannes Eißler (Artikel für "Zitronenfalter" - Frühjahr 2010)
Buchtipp:
Hans-Jürgen Abromeit u.a. (Hg.), Spirituelles Gemeindemanagement. Chancen – Strategien – Beispiele. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001
Autor: Johannes Eißler

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