Das Echte festhalten: Schöpfung in einer künstlichen Welt (Ulrike Schaich)

„Wer bist du, Mensch?“ – Pilgern mit Lamas

Mit dem „fremden Freund Tier“ an der Seite die Natur, die Bibel und nicht zuletzt sich selbst neu entdecken – dazu regt Pfarrerin Ulrike Schaich zusammen mit ihren „Pilgerlamas“ an. Die Andenkamele mit dem direkten Blick und dem unaufdringlichen Wesen nehmen den Menschen freundlich und vorbehaltlos an und „predigen“ uns so auf ihre Art das Evangelium. Die Pfarrerin erzählt exemplarisch davon, was eine Jungschargruppe mit den Tieren erlebte – eine von vielen Gruppen jeden Alters, die sich von den Lamas schon in ihre Welt der Natur haben mitnehmen lassen.

Ulrike Schaich ist Pfarrerin und wohnt mit ihrer Familie und ihren Lamas in Reutlingen-Ohmenhausen.

Ein bisschen scheu hält sich der Junge mit der Baseball-Cap im Hintergrund. Seine Jungschargruppe trifft sich heute nicht im Gemeindehaus sondern am Ortsrand. Andere Kinder rennen schon los, als sie den Pferdeanhänger mit den Lamas stehen sehen – sie kennen die Tiere aus dem Reli-Unterricht, als wir einen Lerngang unternommen haben zum Thema „Die Schöpfung wahrnehmen“. Die Lamas beobachten gelassen und zugleich voll konzentriert ihre Umgebung und die Kinder. Die Fluchttiere sind neugierig und wissen, dass die kleinen wuseligen Menschen keine Gefahr für sie bedeuten. Trotzdem sind sie sprungbereit, falls ein Kind sie anrempeln sollte – dann suchen sie Sicherheitsabstand. Also heißt es für die Kinder, die erste Herausforderung zu meistern: selbst zur Ruhe zu kommen und den Fluchttieren zu vermitteln: „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich habe dich gesehen und nehme Rücksicht auf dich.“ Empathiefähigkeit ist gefragt: Wie reagiert mein vierbeiniges Gegenüber? Wie können wir uns „unterhalten“?
Der etwas scheue Junge hält sich noch im Hintergrund. Seine Lernaufgabe ist eine andere. Er lernt die ungewohnten Tiere mit Sicherheitsabstand kennen und wird die Erfahrung machen, dass nichts Schlimmes passieren wird. Er wird weder angespuckt noch über den Haufen gerannt werden, er wird auch nicht als Angsthase dastehen müssen, denn jeder darf hier so sein, wie er oder sie sich eben fühlt. Und was die kleinen Andenkamele betrifft, sind sie zwar aufgeschlossen und wohlwollend gegenüber Menschen, lassen sich aber nicht gerne umarmen und drücken, auch wenn die Kinder das noch so gerne möchten – als Streichelobjekte sind sie ungeeignet. Dafür gehen sie aber gerne unsere Wege mit, denn die klugen Tiere langweilen sich, wenn sie immer nur auf ihrer Weide herumstehen sollen.

Die erste Viertelstunde steht ganz im Zeichen des aufgeregten Kennenlernens. An der Leine reißen geht nicht, bei 170 kg auf vier starken und flinken Beinen muss man sich schon verständigen, wenn’s gut laufen soll. Die Lamas sind sowohl eigenständig als auch kooperationsbereit – selbständig denkende Lebewesen, die sich die Menschen neugierig ansehen und Fragen stellen: „Kann ich mich dir anvertrauen? Kannst du mich führen oder lässt du es zu, dass ich ein paar eigene Abstecher zum nächsten Grasbüschel mache? Ach, vielleicht kann ich dann auch die Führung gleich ganz übernehmen?“ Und die Menschen lernen, diese Fragen zu beantworten – in Lamasprache, also mit Körpersprache. Fest und freundlich in aller Selbstverständlichkeit die Führung übernehmen – wenn den Menschen das gelingt, dann folgen die Tiere genauso selbstverständlich. Eine echte Beziehung zu Lebewesen in ihrer eigenen Lebenswelt, der Natur, zu erleben – das tut gut in einer weitgehend künstlichen Alltagswelt.

Die Kinder erleben, dass die Lamas sich gern auf sie einstellen, wenn sie sich umgekehrt auch diese Mühe geben. Die Lamas provozieren Aufmerksamkeit. Die meisten Menschen beobachten sie genau. Ein bisschen Unsicherheit kann auch aufkommen, denn der Blick eines Lamas ist sehr direkt. Ohne zu blinzeln sehen die Tiere „auf Augenhöhe“ dem Menschen ins Gesicht – direkt ins Herz, könnte man meinen. Wer bist du, Mensch? Dieser Blick fragt nach uns als Person. Manchmal werden die Lamas auch zur Projektionsfläche für menschliche Ängste: „Das guckt so böse. Bestimmt mag es mich nicht!“ Und unversehens sind wir bei unserer eigenen Unsicherheit…

Die großen Augen mit den langen Wimpern und das kuschelige Fell wirken aber sympathisch, so dass die direkte und zugleich zurückhaltende Art der Lamas zur Kontaktaufnahme reizt. Tiere tragen keine Maske – sie sind zu jeder Zeit und unter allen Umständen einfach sie selbst. So regen sie auch uns dazu an, dass wir uns ebenfalls so geben, wie wir sind.

Diese Art des Kontakts lässt sich direkt auch auf unsere Beziehung zu Gott übertragen. Auch in der Beziehung zu Gott habe ich mit jemandem zu tun, der mir großes Wohlwollen entgegenbringt, der mir aber bei aller Nähe und geteilten Freude immer ein Stück weit fremd bleiben wird. Das ist vielleicht eine Enttäuschung, zugleich aber kann ich die Faszination des Fremden erleben und genießen, dass sich – fremd und vertraut zugleich – eine ruhige Atmosphäre zwischen uns einstellt. Und wenn der Blick dann von der Erde bis in die Wolken schweift, die Augen und Ohren offen sind für all die kleinen und großen Wunder um uns her, dann reicht ein kleiner Impuls, um dankbar die Freude an der unfasslich großen Fülle, an der friedlichen Stimmung zwischen Mensch und Tier und an der Vielfalt und dem Reichtum des Lebens in Wort und Empfindung zu fassen: Wie schön! Danke, Gott, dass du uns so beschenkst. Dann führt so eine Begegnung zwischen Mensch und Tier wie von selbst zu einem Gebet…

Das erleben auch die Kinder der Jungschargruppe, die sich inzwischen an die Tiere gewöhnt haben und abwechselnd die drei Tiere führen dürfen, die heute mit dabei sind. Ganz selbstverständlich kommen die Kinder zur Ruhe hier auf der Streuobstwiese, nehmen in Spielen für Auge, Ohr und Tastsinn die Natur rundum wahr – und so offen, wie sie sind, fassen sie auch die fremden, nicht alltäglichen Worte des Psalms 36 auf: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Herr, du hilfst Menschen und Tieren. Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“

Die Lamas nutzen die Pause und rupfen das Gras mit einem dumpfen Laut. Ihr leises zufriedenes Schnaufen ist kaum zu hören. In der Pause schlendern die Menschen mit ihnen durch die Wiese. Dabei ist nun schon selbstverständlich geworden, was am Anfang noch etwas holprig daherkam. Die Kinder leben nun den Respekt und das gute Miteinander. „Ich respektiere dich so, wie du (als Distanztier) bist“ – damit sind wir ganz nah an Jesu‘ Auftrag an seine Jünger: „Gehet hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium (von der Liebe Gottes) aller Kreatur.“ (Mk 16, 15) Das griechische Wort „ktisis“ meint tatsächlich „alles Geschaffene“, alles, was Gott ins Leben gerufen hat.

Mittlerweile sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen. In einer Abschlussrunde legen wir unterwegs gesammeltes Naturmaterial zu einem Kreuz zusammen. Es ist Zeit für ein Lied, ein Gebet und einen Segen. Menschen und Tiere stehen entspannt im Kreis, verbunden durch die beiden Linien, die sich in der Mitte überkreuzen. Es war schön heute! Wir haben unsere Zeit so verbracht, wie es Menschen und Tieren entspricht. Es war ein guter Tag.

Auf der Rückfahrt mit meinen vierbeinigen Mitarbeitern hinten im Pferdeanhänger gehen die Gedanken weiter.

Das Entscheidende bei dieser Art des Herangehens an die Beziehung zwischen Tier, Mensch und Gott ist der Wechsel der Blickrichtung: Das Tier wird nicht (mehr) als Objekt gesehen, das mir zur Verfügung steht , um meine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern es steht dem Menschen als Individuum, als eigenes Subjekt auf Augenhöhe gegenüber. Bei den Lamas wird das direkt erfahrbar. Auch sie können gelassen oder angespannt sein, ihr Bestes geben oder heute keine Lust haben oder nach einer schlechten Erfahrung zurückhaltend reagieren – wie auch jeder Mensch. Es sind Individuen, jedes mit den eigenen witzigen oder nervigen Angewohnheiten. Cuzco liebt es, in Pfützen zu plantschen. Wenn er eine sieht, steuert er energisch darauf zu. Puntito wirkt oft ein bisschen unwirsch. Vielleicht, so vermute ich, war er als Jungtier zusammen mit Schafen im Winter im Stall eingesperrt. Mona Lisa muss nach einer Verletzung sehr langsam treten, auch Tiere können eine Behinderung erleiden. Aber ihre beste Freundin Luna weicht nicht von ihrer Seite. Luna weigert sich seitdem, ihre Freundin allein auf der Weide zurückzulassen. Ich kann nur beide zusammen transportieren oder keine. Und der Jährling Findus ist manchmal noch ganz Baby, manchmal aber auch schon ziemlich frech, so dass sein Freund Cuzco ihn zurechtweisen muss. Bei den anderen traut der Kleine sich das nicht, aber die enge Beziehung zu seinem großen Freund erlaubt und verlangt auch Erziehungsmaßnahmen. Jede Tierart ist anders und jedes einzelne Tier innerhalb einer Art ist wieder ein bisschen anders.
Wofür sind Tiere da? Um unsere Bedürfnisse zu befriedigen? Oder vielleicht, um unsere Freude – und Gottes Freude – an dieser wunderschönen Erde zu teilen? „Da sind große Fische, die du gemacht hast, um mit ihnen zu spielen.“ (Psalm 104,25-26) Sind sie da, um mit uns zusammen die Welt zu entdecken, um uns als Blinden-, Polizei-, Assistenz- oder Lawinenhund zu helfen – und vielleicht darin auch ihr eigenes Leben ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend gut zu erfüllen? Sind die Tiere deswegen auf der Welt, um uns Menschen „nützlich“ zu sein oder haben sie ein eigenes, von uns unabhängiges Lebensrecht?

Was bedeuten die Bibelworte in unserer Zeit, in der die Wildtiere nur noch 4% aller Säugetiere ausmachen? Alle anderen werden vom Menschen gehalten, um uns auf irgendeine Art nützlich zu sein.
Und: Was hält Gott wohl von all dem?

Vielleicht hilft für eine Antwort auf diese Frage ein Blick ins Buch Hiob, Kap. 38-39. Da zeigt Gott dem an seinem Leid sich aufreibenden Hiob die ganze Weite und Fülle seines Kosmos, seiner ganzen belebten und beseelten Schöpfung. Und Hiob erkennt im Gegenüber zu all diesem echten, von ihm unabhängigen Leben seinen eigenen, guten Platz als Gottes wertgeschätzter Gesprächspartner und „atmet auf in Staub und Asche“. (Hiob 42,6, Einheitsübersetzung)
Mein Blick fällt auf die Lamas, die nach der Arbeit mit den Jungscharkindern wieder in ihre Herde eingetaucht sind. Nachdem sie eine Weile gegrast haben, wandern sie gemächlich unter die Bäume und liegen nun da, den Blick in die Ferne gerichtet, die Ohren gespitzt – mit entspannter Aufmerksamkeit wie immer – und käuen wieder. Erholsame, ansteckende Ruhe breitet sich aus. Ich setze mich dazu und denke an Sören Kierkegaard:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.“

Auch das können die Lamas lehren, wenn wir uns öffnen für das, was sie vermitteln können:
„Doch frag nur die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels, sie künden es dir. Rede zur Erde, sie wird dich lehren, die Fische des Meeres erzählen es dir. Wer erkennte nicht an dem allen, dass des Herrn Hand das gemacht hat, dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?“ Hiob 12, 7-10

Natürlich arbeiten meine Tiere und strengen sich manchmal tüchtig an, um den Menschen gute Wegbegleiter zu sein – und das ist auch in Ordnung. Wir Menschen arbeiten ja auch und erfüllen – im besten Fall – ein Stück weit mit der Arbeit unsere persönlichen Möglichkeiten, erleben uns kompetent und selbstbewusst. Es ist sehr befriedigend, eine gute Arbeit abzuliefern, aber niemand von uns Menschen möchte nur deswegen anerkannt werden, weil er oder sie effektiv arbeiten kann. Niemand möchte auf seine Tüchtigkeit und Nützlichkeit reduziert werden. Bei Tieren halten viele Menschen diese Reduktion für ganz normal, aber auch sie haben ein eigenes Leben.

Manchmal projizieren wir unsere Sehnsüchte und Ängste auf die Tiere, die uns den Spiegel vorhalten: Wir wünschen uns für uns selbst ein Leben ohne Mühe und mit viel Konsumgütern – und erziehen respektlose, fette Hunde und Katzen. Wir wollen das niedliche Tierchen als Spielgefährten und Einsamkeitsvertreiber, das unsere Bedürfnisse befriedigt, etwas liebhaben und streicheln zu wollen – und vermenschlichen es. Das bedeutet, wir nutzen die Friedlichkeit unserer Haustiere aus und ihre Bereitschaft, uns Nähe zu schenken, aber wir ignorieren ihre Fremdheit und Andersartigkeit – das, was am fremden Freund Tier schwer zu verstehen ist. Dabei können sie uns gerade in dieser Kombination von Nähe und Fremdheit Lehrerinnen und Lehrer sein, wie sich auch die Beziehung zu Gott anfühlen kann: Gott ist uns näher als wir uns selbst sind – und zugleich wird er immer auch der Fremde und ganz andere bleiben, vor dem wir nur in großer Ehrfurcht stehen können. Mit dem Tier kann ich „üben“, die Nähe zu pflegen, die uns beiden gut tut, und zugleich die Andersartigkeit und Faszination des Fremden zu respektieren – und zu genießen.

Noch öfter als unsere Haustiere werden die sogenannten „Nutz“-Tiere bis zum letzten Cent benutzt und ausgebeutet. Auf seinem kurzen Lebensweg erlebt das Industrieprodukt „Tier“ Angst und Gewalt, die wir aber nicht sehen können, weil es nicht mehr auf dem Hof nebenan sichtbar ist, sondern weit entfernt von unserer Wahrnehmung lebt und stirbt. Wir sehen nicht mehr, welche Gefühle das Tier in ähnlicher Art hat wie wir, oft (erstaunlich?) nah verwandt. Wir wissen nicht mehr, wie es in den Ställen aussieht, in denen die Küken und die Eier vom Band laufen wie Schrauben, woher das Fleisch kommt, die Milch und die Wolle, wir sehen nur noch das fertige Produkt und den Preis, der auf dem Preisschild steht und nicht den, den die Landwirte und die Tiere zahlen müssen. Was sich unser gemeinsamer Schöpfer wohl dazu denkt? Wir entfremden uns und die Tiere von dem Leben, für das wir – Menschen und Tiere, Pflanzen und Mineralien – eigentlich bestimmt sind und finden das normal. Eigentlich aber sollten wir zur Freude Gottes da sein, um ihn zu loben und seine wunderbare Erde mit unserem Leben um eine bunte, einmalige Facette zu bereichern. Die Psalmen kennen Klage und Trauer genauso wie Freude, großen Jubel und Dankbarkeit. Das alles können wir auch mit den Tieren, ja, der ganzen Natur teilen:
„Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.“ (Psalm 102,7-8) - „Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist; das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde vor dem Herrn; denn er kommt, zu richten das Erdreich.“ (Psalm 96,11-13)

Was wäre, wenn die Bilder der Psalmen nicht nur zur Identifikation einladen würden und wenn sie nicht nur schön und erbaulich wären, sondern die Wirklichkeit des Reiches Gottes abbilden würden? Was wäre, wenn wir Menschen als Teil der Natur – auch wir sind Natur – Seite an Seite mit den Tieren und den Bäumen stehen, den Gletschern und dem Meer und uns Gott zuwenden – in der Klage und im Loben?

Die Lamas haben eines nach dem anderen ihre Mahlzeit beendet. Mit ein bisschen Abstand zueinander lassen sie sich in der Wiese nieder, mit genug Nähe, um sich in der Herde geborgen zu fühlen und genug Abstand, um sich nicht gegenseitig zu ärgern.

Sie erleben sicherlich ein kleines Stück paradiesischen Friedens mehr als wir Menschen, weil sie nicht über Vergangenes grübeln und sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Wenn sie laufen, dann laufen sie. Wenn sie ruhen, dann ruhen sie. Wenn sie grasen, dann grasen sie – im Einklang mit sich selbst, mit der Herde, mit Gott?