Beten als Beziehungspflege (Dieter Kern)

Wie leben wir unsre Beziehungen? Als Ehepaar hat man in der Regel den Wunsch, nicht nur nebeneinander her zu leben. Wenn das gut funktioniert, ist das zwar viel wert, aber es ist noch nicht alles. Uns so ist es gut, wenn jedes Ehepaar nach einer Form sucht, in der die innere Beziehung gepflegt werden kann.

In meiner Umgebung kenne ich die unterschiedlichsten Formen. Zum Beispiel hat ein Ehepaar beschlossen, einen Tanzkurs zu besuchen. Für die beiden ist das ein regelmäßiger Termin, zu dem man hin muss und bei dem sie nur Zeit mit sich zu zweit verbringen. Bei einem anderen Paar ist es so: Sie arbeiten beide in einem anspruchsvollen Beruf und sehen sich unter der Woche wenig. Am Wochenende arbeiten sie nun gemeinsam in einem Pizzalieferservice. Sie nimmt die Bestellungen auf, er fährt. Und in den Pausen sind sie beieinander.

Beziehungspflege geschieht natürlich nicht nur bei Ehepaaren. Ich weiß von jemandem, der sich am Freitagabend regelmäßig zum Essen in einem guten Restaurant verabredet. Ein katholischer Pfarrers-Kollege erzählte mir, dass er sich mit seinen Freunden ein Konzert-Abo in Stuttgart gekauft hat. So haben alle einen verpflichtenden Termin, um sich zu treffen. Und es kommt dann schon mal vor, dass sie in der Konzertpause einfach gehen und in einer Kneipe ein Bier trinken.

Beziehungen brauchen regelmäßige Pflege. Das ist die Binsenweisheit. Wer es noch etwas knackiger formuliert haben möchte: „Was nicht regelmäßig getan wird, wird in der Regel mäßig!“

Was für die normalen Kontakte und Beziehungen gilt, gilt natürlich auch für die Beziehung von mir als Mensch zu Gott. Die beste Form der Kontaktpflege ist das Beten. Aber hier beginnt das Problem. Wie können wir beten?

Diese Beobachtung war für mich der Anlass, verschiedenste Formen des Gebetes zu sammeln. Und nicht nur zu sammeln und auch selber auszuprobieren. Und dann habe ich sie mit vielen anderen Menschen weiter getestet, zum Beispiel mit meinen Konfirmanden oder mit meinem Männerkreis. Ich war erstaunt über die Resonanz. Es war so, als ob die Leute auf solche alltagstauglichen Übungen nur gewartet hätten. Und seitdem habe ich große Freude am Multiplizieren dieser Gebetsformen. Um es wieder auf den Punkt zu bringen: Beten ist in gewisser Weise ein Handwerk. Und fürs Handwerk braucht man Werkzeuge. Einige wenige stelle ich hier vor.

Gebetsideen

Auf der Webseite www.kraftortklosterkirche.de gibt es außerdem Videoclips, in denen jeweils eine alltagstaugliche Gebetsübung erläutert wird.

  • add Das Zehn-Finger-Dankgebet

    Ich liege im Bett und überlege bei jedem meiner zehn Finger: Was war heute schön?
    In der Regel fällt einem nach dem 5. Finger nichts mehr ein. Dann einfach eine Weile warten.
    Danach kommen dann doch noch ein paar gute Erinnerungen.

    Am Ende bete ich: Gott, ich danke dir für diesen guten Tag.

    Tipp: es hilft sehr, den einzelnen Finger wirklich anzufassen. Das hilft mir, mich zu konzentrieren.

  • add Gebet für eure Feinde

    Jesus Christus sagt: „Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5,44)

    Das folgende Gebet praktiziere ich jedes Jahr mit meinen Konfirmanden. Sie sind anfangs überhaupt nicht begeistert und empfinden diese Übung als Zumutung. Aber nach einiger Zeit machen sie ganz erstaunliche Erfahrungen.

    1. Warten
    Wenn uns nichts einfällt, was wir für sie bitten können, einfach eine kleine Weile warten.
    Ich und mein Feind verbringen sozusagen eine Weile gemeinsam vor Gott.

    2. Fragen
    Wir können Gott fragen, was wir für diese Person bitten sollen.

    3. Sich bewusst machen: Gott liebt meinen Feind nicht weniger als mich selber.
    Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute  und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Matthäus 5,45)

    4. Fürbitten

    Ich bitte für meinen Feind, z.B.

    • Verändere ihn!
    • Beschütze ihn!
    • Schenke ihm heute etwas Gutes!

    5. Danken
    Ich danke für meinen Feind.
    z.B.: Danke, dass es diesen Menschen gibt.

    6. Abladen
    Ich lasse meine Angst vor dieser Person heraus und sage Gott, dass mich diese Person verletzt und in mir einen Widerwillen auslöst.

     

    Hier einige Original-Sätze der Konfirmanden:

    • Ich kann meinen Feind jetzt anders sehen und bin mit ihm anders umgegangen.
    • Ich fühle mich durch das Gebet befreit und spüre keine Belastung mehr.
    • Er hat sich verändert. Er glotzt mich nicht mehr so an.
    • Ich habe aufgehört, meine Gedanken um diese Person kreisen zu lassen.
    • Mein Gebet ist in Erfüllung gegangen. Mein Feind hat sich zum Guten verändert.
    • Ich bete, dass meine Feinde keine Feinde haben.
    • Ich habe gedacht, dass sie nichts mit mir zu tun haben will. Und jetzt glaube ich, dass ich auf sie zugehen sollte.
  • add Unterwegs-Gebet mit den Handflächen

    1. Schritt:
    Ich halte meine Hände mit den Handflächen nach unten. Das kann auch sehr unauffällig geschehen, ohne dass es jemand im Zug oder Bus bemerkt.
    Ich zeige damit: Ich will loslassen. Ich gebe ab: meinen Ärger, Unsicherheit, Termindruck … Mit offenen Händen nach unten kann ich nichts festhalten.
    Alles fällt mir aus der Hand – hinein in eine andere Hand, in Gottes Hand.

    2. Schritt:
    Ich drehe die Hände mit den Handflächen nach oben, sie werden zu offenen Schalen.
    Ich bitte Gott, dass er mir gibt, was ich nötig habe. Auch das kann sehr unauffällig geschehen.
    Diese kleine Übung hilft im Durcheinander des Alltags. Der Knoten im Bauch löst sich.
    Ich erinnere mich an Gott. Ich spüre: Er ist da. Er nimmt Lasten ab und hilft.

  • add Abendgebet "Tagesschau"

    Stell dir vor, du schaltest um 20 Uhr die Nachrichtensendung in der ARD an. Aber es wird nicht über die Ereignisse in aller Welt berichtet, sondern über deine persönlichen Erlebnisse von heute. Du schaust dir also deinen Tag als Filmstreifen Bild für Bild an.

     

    Wichtig dabei ist:

    1. Reihenfolge
    Die einzelnen Ereignisse entweder der Reihe nach oder bunt durcheinander betrachten.

    2. Zeitlupe – Zeitraffer
    Du kannst einzelne Bilder in Zeitlupe oder sogar als Standbild anschauen.
    Du kannst so lange in der Erinnerung bleiben, wie du willst.
    Es ist auch möglich, manches nur kurz und schnell anzuschauen.

    3. Kein Zwang zur Vollständigkeit!
    Wenn Du nicht alle Nachrichten bzw. Erlebnisse angeschaut hast, ist das nicht schlimm.
    Ein paar wichtige Punkte angeschaut zu haben, genügt.

    4. Dauer: 4 Minuten
    Die vier Minuten musst du voll ausschöpfen. Nicht vorher aufhören!
    Lieber ein bisschen länger!

    5. Warten können!
    Wenn nichts kommt, dann warte ab.
    Nach einer Weile kommen die Bilder, nur Geduld!

    6. Nicht bewerten!
    Alles darf sein, wie es war.
    Klage dich für nichts an, was schieflief.
    Schaue es einfach an.
    Freue dich an dem, was schön war.

     

    Ablauf:

    Vorbereitung:
    Suche dir eine gute Sitzhaltung.
    Lass dir etwas Zeit, um ruhig zu werden.

    Anfangsgebet:
    Diesen Tag Herr,
    leg ich zurück in deine Hände,
    denn du gabst ihn mir.
    Du Herr bist doch der Zeiten Ursprung und ihr Ende,
    ich vertraue dir. Amen.

    Tagesschau (5 Minuten)

    Abschlussgebet:
    Danke, Herr, für alles, was heute gut war.
    Das, was mir misslungen ist, war so wie es war.
    Schenke mir eine gute Nacht. Amen.

  • add Tagesabschluss - Umgang mit dem Wimmelbild

    Wohl jeder kennt aus seiner Kindheit Wimmelbilder. Bis man auf einem Wimmelbild eine bestimmte Einzelheit entdeckt hat, braucht es Zeit.

    Genauso ist es, wenn man auf seinen Tag zurückschaut. Da sieht man auch zunächst nur ein Gewimmel, und es dauert, bis man die guten Dinge des Tages entdeckt hat, für die man Gott danken möchte. Schau dir das Wimmelbild deines Tages an und versuche, darin das Gute, das dir Gott heute geschenkt hat, zu entdecken.

    Zwei Leitfragen

    1. Wofür bin ich dankbar?
    2. Was will ich loslassen?

    Versuche, auf jede Frage drei Antworten zu finden!

    Noch ein Tipp: Es hilft, die Antworten in Stichworten aufzuschreiben.“

  • add Vaterunser

    Allgemein:

    1. Jesus hat gesagt: „So sollt ihr beten“ (Matthäus 6,9)
    Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet aller Christen.
    Alles, was nötig ist, steht in diesem Gebet.

    2. Es verbindet die Christen aller Zeiten, Orte und Konfessionen.

    3. Dieses Gebet nützt sich nicht ab.

    4. Wenn du nicht mehr weißt, was du beten sollst oder kannst, dann sprich das Vaterunser und vertraue darauf, dass es genügt.

     

     

    Modell 1

    Es ist möglich und sinnvoll, das Vaterunser mehrmals hintereinander zu beten.
    Das macht dich ruhig und führt dich von selbst in ein persönlich formuliertes Gebet.

    Modell 2

    1. Bete das Vaterunser einmal laut!

    2. Bete es noch einmal bzw. mehrmals leise,bis du an einem Wort hängenbleibst, das dich besonders anspricht.

    3. Bleibe bei diesem Wort und warte, welche Gedanken und Gefühle zu diesem Wort kommen.

    4. Es ist nicht schlimm, wenn es eine Weile braucht.
    Warte einfach!
    Es ist nicht schlimm, wenn Störungen kommen
    (vgl. „Umgang mit Störungen“).

     

  • add Psalm 23 persönlich

    1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
    2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
    und führet mich zum frischen Wasser.
    3 Er erquicket meine Seele.
    Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
    4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
    fürchte ich kein Unglück;
    denn du bist bei mir,
    dein Stecken und Stab trösten mich.
    5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
    Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
    6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
    und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

     

    Aufgabe:

    Schreibe Psalm 23 in folgender Weise ab:
    Setze an die Stelle der Worte „mein, mich mir, ich, meiner“ deinen eigenen Namen.

    Bsp.:
    Der Herr ist Dieters Hirte.
    Dieter wird nichts mangeln.
    Er weidet Dieter auf einer grünen Aue ...

    Gott meint nicht irgendjemand. Er meint dich!

  • add Sich bekreuzigen

    Mit den Fingern der rechten Hand berühre ich der Reihe nach
    Stirn – Brust/Bauch – linke Schulter – rechte Schulter.

    Dabei spreche ich:
    „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

     

    Bedeutung:

    1. Indem ich das Kreuzzeichen über mir schlage, sage ich:
    Ich gehöre zu Jesus Christus

    • mit meinem Denken (Stirn),
    • mit meinem Herzen (Brust)
    • mit meinem Wollen und Handeln (Schultern).

    2. Ich erinnere mich, dass ich auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft binund sein Kind bin.

    3. Manchmal kann das Kreuzzeichen für mich auch wie ein Schutzschild vor Gefahren und Feinden sein. Jesus selbst ist das Schutzschild.

     4. Der vertikale Balken bedeutet: Gott kommt auf die Erde in Jesus Christus.
    Ich bin mit Gott verbunden nach oben.
    Der horizontale Balken bedeutet: Links und rechts bin ich mit Menschen verbunden.

  • add ALI

    Das bedeutet:
    A=atmen
    L=lächeln
    I=innehalten

    Veranschaulichung:

    Reiz/Erlebnis……...ALI……..….Reaktion


    Und so wirkt diese Übung:

    Ich bin langsamer und verschaffe mir dadurch einen Freiraum,  in dem ich die Möglichkeit habe, mich selbst zu regulieren.

    Das heißt: Ich verfalle nicht in einen Automatismus oder in eine Fremdbestimmung, sondern ich bestimme selber, wie ich handeln will.

     

Besinnungsaufgaben

  • add Prioritäten: ABS oder SBA

    Die drei Schalen des Brunnens im Kloster Maulbronn ispirieren zum Gebet um die Frage ABS oder SBA:

    1.) ABS Schale

    A wie Arbeit (größte Schale)
    B wie Beziehung (mittelgroße Schale)
    S wie selbst, Stille für mich (kleinste Schale)

    Wenn hier das Wasser von oben nach unten überfließt, dann fällt es an den beiden anderen Schalen vorbei. Mein Beziehungsleben und ich selbst verkümmern.

     

    Ganz anders sieht es bei der SBA-Schale aus:

    2.) SBA Schale (vgl. den Brunnen in Maulbronn)

    S
    wie Selbst, Stille für mich (kleinste Schale)
    B wie Beziehung (mittelgroße Schale)
    A wie Arbeit (größte Schale)

    Wenn hier das Wasser aus der obersten Schale überfließt, fällt es erst in die Beziehungsschale und dann in Arbeitsschale. Das bedeutet: jede Schale ist gefüllt Und kommt nicht zu kurz.

     

    Frage zur Selbstbesinnung:

    Welche Reihenfolge lebe ich in meinem Alltag? Es geht nicht darum, die Schalen zu verkleinern oder zu vergrößern, sondern es geht um die richtige Reihenfolge:

    Jesus sagt dazu in Matthäus 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen.“

  • add Der Kochtopf

    Besinnung:

    Wieviel Kochtöpfe habe ich gerade auf meinem Herd stehen?

    Wie viele Töpfe muss ich rühren, damit sie nicht anbrennen?

    • Z.B. die Pflege der Eltern
    • Z.B. die Neurodermitis der Tochter
    • Z.B. eine neue Aufgabe im Betrieb
    • Z.B. ein Wunsch der Ehepartnerin

    Welchen Topf muss ich vom Herd nehmen, damit ich die Zeit zum Rühren für die wichtigsten Töpfe habe?

     

    Ein Vorschlag für den geistlichen Umgang damit:

    Einen Topf auswählen und in diesem Topf rühren.
    Sie nehmen einen Kochlöffel und stellen sich vor, dass dieser Kochlöffel Jesus Christus ist.
    Kreise rühren bedeutet: Jesus, du hast eine unendliche Geduld und Kraft!
    Einen Achter rühren bedeutet: Jesus, du bist auch auf Umwegen dabei.
    Warten Sie, was nun passiert. – Verändert sich etwas?

  • add Das Lebenshaus

    Bildliche Vorstellung:

    Ihr Lebenshaus hat viele verschiedene Zimmer.

    Wer wohnt alles in diesen Zimmern?

    • Zum Beispiel die Trauer um einen nahen Menschen
    • Zum Beispiel ein großer Wunsch, der aufgrund besonderer Umstände nicht verwirklicht werden kann
    • Zum Beispiel eine Enttäuschung

    Frage:

    Wer hält sich im Wohnzimmer auf? Also in dem Zimmer, in dem man die meiste Zeit verbringt? Ist es gut, dass diese „Person“ sich so oft hier breit macht?

     

    Vorschlag:

    Es ist schön, wenn die Kinder bei einem im Wohnzimmer sind, aber manchmal ist es auch gut, dass sie auf ihr Kinderzimmer gehen und sie für sich sein können.

  • add Der Rest des Lebens

    Aufgabe:

    Holen Sie sich ein Papiermaßband aus einem Möbelhaus.
    Und schneiden sie von vorne die bisher gelebten Jahre ab.
    Dann schneiden Sie vom anderen Ende soviel Jahre ab, bis sie zu ihrer durchschnittlichen Lebensdauer gelangen.

     

    Frage:

    Was ist ihre erste innere Reaktion?

     

    Impuls:

    This day ist the first day of your life!

    Was will ich noch tun?
    Wie viele Frühlinge werde ich noch erleben?
    Welche Ziele will ich noch erreichen?