Wenn es um die letzte Wegstrecke geht - Rituale bei Tod und Bestattung

Der größte Einschnitt in einem Leben, der auch die meiste seelsorgliche Begleitung benötigt, ist sicher ein Todesfall. Hier muss aus verschiedenen Positionen und in verschiedene Richtungen gedacht und geblickt werden.

Da ist zum einen der sterbende Mensch, dem Trost und Hoffnung zugesagt werden sollen für einen Weg, von dem kein Lebender je berichtet hat. Und da sind zum anderen die Angehörigen und Freunde. Auch ihnen muss Trost und Hoffnung zugesagt wer-den, denn eine lebensbegleitende Person zu verlieren bringt Schmerz und Leere mit sich.

Der Sterbeprozess, die Beerdigung und die Trauerzeit sind mehr sind als nur technische Verrichtungen medizinischer Art und der Versorgung eines Leichnams. Rituale können dazu beitragen, dass diese Zeit, vor allem des Trauerns um einen verstorbenen Menschen, als fürsorglich und tröstend empfunden werden kann. Nirgendwo sonst gibt es von jeher so viele unterschiedliche Rituale wie beim Abschied von Verstorbenen.

Wurde früher mit den Worten „Taufe – Trauung – Tod“ die seelsorgliche Präsenz von Pfarrerinnen und Pfarrern beschrieben, so hat sich auch dies ge-wandelt. Die Begleitung von Sterbenden und deren Angehörigen liegt nicht mehr alleine bei den Geistlichen, sondern wird oft auch von Ärzten, Bestatte-rinnen oder Trauerrednern geleistet. Dabei gehen alte Rituale, wie die Aussegnung zu Hause, die Lei-chenwaschung durch Angehörige oder die Totenwache immer mehr zurück.

Wir haben drei Menschen befragt, die in ihrem beruflichen Alltag in unterschiedlicher Weise mit Sterbenden, dem Tod, der Bestattung und den zugehörigen Ritualen zu tun haben.

Dr. Martin Schock betont die Notwendigkeit, offen mit dem Tod umzugehen und den Angehörigen Hilfestellung bei der Trauerarbeit zu leisten.

Ute Züfle gibt als Bestatterin viele konkrete Anregungen, wie Menschen in der Ausnahmesituation gut begleitet werden können. So hat sie im Jahr 2019, zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Chantal Häfner, in Stuttgart das „Café Tod“ gegründet. Damit bieten sie eine Plattform, um ungezwungen und unabhängig davon, ob man einen Sterbefall hatte oder nicht, bei Kaffee und Kuchen über das Thema Tod zu reden. | www.bestattungen-haefner-zuefle.de

Pfarrerin Christiane Wellhöner stellt aus theologischer Sicht Betrachtungen über Tod und Trauer-bewältigung an.Letztlich aber können hier keine Rezepte für gelin-gende Trauerarbeit vorgelegt werden. Diesen Weg muss jeder Mensch selbst gehen und auch für sich selbst und seine Familie hilfreiche Rituale entwickeln oder anpassen.

Michael Schock

Wenn der Tod Teil des Berufslebens ist

Dr. Martin Schock ist leitender Oberarzt in der Chirurgie. Er ist außerdem langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit

 

Ute Züfle leitet zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Chantal Häfner ein Bestattungsunternehmen in Stuttgart.

 

Christiane Wellhöner war an verschiedenen Stellen als Gemeindepfarrerin tätig. Seit 2019 ist sie Studienleiterin am Evangelischen Pfarrseminar in Stuttgart-Birkach.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, den Beruf des Arztes, der Bestatterin, der Pfarrerin zu ergreifen?

Schock: Ich hatte mehr aus Solidarität zu meinen beiden (Schul-)Freunden den Medizinertest mitgemacht. Ebenso war mein großes Engagement in der evangelischen Jugendarbeit eine Spur für die Berufswahl.

Für das Medizinstudium ist ein zweimonatiges Pflegepraktikum notwendig, das mir großen Spaß bereitet und Einblicke in die medizinische Tätigkeit gegeben hat. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich als Chirurg meine praktisch-handwerklichen Fähigkeiten und das Bedürfnis, einen für andere nützlichen Beruf zu ergreifen, gut verknüpfen konnte, und ich sah mehr und mehr den Plan Gottes darin.

 

Züfle: Nach meinem Examen als Krankenschwester habe ich ein paar Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet.

Diese wertvolle Arbeit machte ich sehr gerne. Als ich das Angebot bekam, als Bestatterin zu arbeiten, sah ich dies zunächst nur als Horizonterweiterung und ich dachte, eines Tages geht es zurück in die Notfallmedizin.

Doch schnell merkte ich: Bestatterin ist meine absolute Berufung! Nach einer Ausbildung zur Trauertherapeutin und Trauerbegleiterin sowie diversen Fortbildungen haben Chantal Häfner und ich im Jahr 2006 Häfner & Züfle Bestattungen in Stuttgart gegründet.

 

Wellhöner: Ich wollte etwas Schönes machen – und die Beschäftigung mit der bilderreichen Welt der Bibel hat mich immer fasziniert und bezaubert. Jetzt genieße ich das Privileg, unser eigenes Leben und Ergehen und die Erfahrungen mit Gott, die in der Bibel gesammelt wurden, zusammenzudenken. Es öffnen sich neue Perspektiven, auch für den Schmerz, dass ein gemeinsamer Weg zu Ende gegangen ist.

 

Wie gut wurden Sie in der Berufsausbildung auf den Umgang mit dem Tod, den Sterbenden und deren Angehörigen vorbereitet?

Schock: Die ärztliche Berufsausbildung war bestimmt von einem theoretischen Studium, lediglich durchzogen von Praxiseinsätzen in den Semesterferien, sogenannten Famulaturen. Die Theorie des Studiums brachte uns nur im Zusammenhang mit den präparatorischen Übungen mit Toten in Kontakt. Es blieb also bei Erfahrungen in den Praxiseinsätzen und später in der beruflichen Tätigkeit.

 

Züfle: In der Krankenpflegeausbildung gibt es ein sogenanntes „Sterbeseminar“. Meiner ganzen Klasse einschließlich mir tat dieses Seminar nicht wirklich gut. Und ich fühlte mich dadurch nicht gut vorbereitet für den Umgang mit dem Tod, den Sterbenden, den Angehörigen. Leider. Ich weiß, dass diese Seminare heute ganz anders stattfinden und für die meisten Auszubildenden wertvoll und wichtig sind. Mittlerweile bin ich selbst Dozentin bei Sterbeseminaren, weil ich weiß, wie wichtig sie für die Arbeit und noch viel mehr für das ganz persönliche Leben sind. Was mir für meine jetzige Arbeit geholfen hat, war das tägliche Leben und die Arbeit an sich.

Auf der Intensivstation habe ich viele Menschen begleitet, immer wieder Menschen verabschieden müssen – eine wertvolle Arbeit und für mich heute eine wichtige Erfahrung. In meiner Ausbildung zur Trauertherapeutin und Trauerbegleiterin wurde ich natürlich sehr gut auf diesen Umgang vorbereitet. Menschen gut zu begleiten ist enorm wichtig, darum habe ich auch diese spezielle Zusatzausbildung absolviert.

 

Wellhöner: Niemand kann den Umgang mit den existentiellen Fragen des Lebens und Sterbens in einer Trockenübung an der Uni oder im Seminar erwerben. Die gute Vorbereitung besteht in der Ermutigung, Sterbende und ihre Angehörigen zu begleiten. In Fort- und Weiterbildungen sowie Supervision und kollegialer Beratung werden die dabei gesammelten Erfahrungen reflektiert. Auf diese Weise wird situationsgerechte Kommunikation eingeübt. Sie ist entscheidend für einen hilfreichen Kontakt mit Sterbenden und ihren Angehörigen.

 

Wie viele Sterbefälle pro Jahr begleiten Sie?

Schock: Das ist eine Zahl, die ich nur schätzen kann. Während meiner Facharztausbildung in einem Maximalversorgungskrankenhaus waren es viele tragische Unfälle und todbringende Krebserkrankungen, die oft schwierige Situationen und Angehörigengespräche mit sich brachten. Letztlich war und ist jedes Gespräch mit einem Sterbenden oder Angehörigen ein sehr persönliches und individuelles Gespräch.

 

Züfle: Gute Frage. In unserem Unternehmen ist das sehr schwankend. Mal ganz viel, mal eher wenig. Aber es werden so ca. 250 – 300 sein.

 

 

 

Wellhöner: Ich habe auf meiner letzten Pfarrstelle rund 30 Bestattungen im Jahr gehalten. Sterbebegleitung im eigentlichen Sinn kam selten vor. Begleitende Trauernachsorge war auch selten und begann manchmal erst ein halbes Jahr nach der Beisetzung.

 

Gab es einen Fall, der Sie besonders berührt hat?

Schock: Es gab nicht nur einen Fall, der mich besonders berührt hat. Da gibt es zum Beispiel das junge Unfallopfer, die gerade Mutter gewordene junge Frau oder die in der letzten schweren Krankheitsphase gläubig und aufrecht auf den Tod zugehende alte Frau.

 

Züfle:  Ja. eher viele als einer! Aktuell begleite ich einen Suizid. „Es tat mir so gut, gestern bei Ihnen Abschied von ihm nehmen zu können, seither geht es mir besser“, so die Hinterbliebenen. Ehrlich gesagt berührt mich jeder Fall irgendwie. Besonders berührt es mich, wenn wir Kinder bestatten müssen oder wenn ich Menschen aus meinem persönlichen Umfeld bestatten muss.Ebenso berührend ist es, wenn alte Menschen gehen und die Witwe sagt: „Jetzt bin ich ganz alleine, mein Leben hat keinen Sinn mehr.“ Mich berühren die vielen persönlichen Abschiede, auch die Ideen und Kreativitäten der Angehörigen. Leider berühren auch Familienstreitigkeiten, die im Todesfall ebenso hochkommen, aber auch Menschen, die endlich Frieden miteinander finden. Oder ein Kind, das vor der Urne seines Papas steht und sagt: „Kann ich da mal reingucken?“ Und dann aus dem Korb mit Blütenblättern fast alle rausnimmt und mit vollen Händen ins Grab gibt. Recht hat er. Sein Papa. Da kann er so viele Blütenblätter reinlegen, wie er mag.

Und meine Hoffnungsgeschichte mit einer bunten Botschaft vom Himmel: Eine 6-jährige, deren Vater gestorben ist und die bei mir im Bestattungsauto mitfahren wollte. Ich selbst war total aufgeregt vor diesem Tag. „Wo fahr ich mit diesem Kind hin? Ich bin schuld, wenn das Kind schlecht schläft“, so meine Gedanken. Meine Idee war, zu dem Krankenhaus zu fahren, indem ihr Papa gestorben ist, damit sie quasi dieselbe Strecke fährt. Und das ist passiert: Ein riesengroßer Regenbogen in vollen, kräftigen Farben, der genau im Krankenhaus endete…! Ein paar Tage nach dieser Fahrt fragte ich die Mutter, wie es ihnen mit der Fahrt ergangen sei. Sie sagte zu mir: „Uns geht es gut. Seit meine Tochter in Ihrem Auto mitgefahren ist, schläft sie wieder in ihrem eigenen Bett.“

 

Wellhöner: Jede Lebensgeschichte ist einmalig und besonders und das hat mich jedes Mal berührt. Auch das scheinbar unspektakuläre Leben ist unvergleichlich und erstaunlich. Natürlich gibt es besonders tragische oder erschütternde Todesfälle. Aber wenn wir die Hinterbliebenen zum Gottesdienst am Ewigkeitssonntag eingeladen haben und ich mir in der Vorbereitung die Verstorbenen wieder vor mein inneres Auge gerufen habe, dachte ich: Niemand lebt und stirbt gleich. Dieses Geheimnis ist bei Gott gut aufgehoben.

 

Hat sich der Umgang mit dem Tod in den letzten zehn Jahren verändert?

Schock: Für mich eigentlich nur durch einen gewachsenen Erfahrungsschatz, damit umzugehen.

 

Züfle:  Ja! Und darüber bin ich froh. Wir versuchen, den Tod wieder ins Leben zu bringen. Vergangenes Jahr haben wir in Stuttgart das „Café Tod“ gegründet. Eine Plattform, um ungezwungen und unabhängig davon, ob man einen Sterbefall hatte oder nicht, bei Kaffee und Kuchen über das Thema Tod zu reden. Wir haben nicht damit gerechnet, dass dies im Schwabenland solchen Anklang findet. Es kamen bisher jedes Mal ca. 60 Personen.

Hinterbliebene wie Menschen, die ihre eigene Beerdigung planen wollen, sind mutiger, das „letzte Fest“ so zu planen, wie es zu der verstorbenen Person und zu den Angehörigen passt. Abschiednahmen zu Hause nehmen wieder deutlich zu. Feuerbestattungen nehmen weiterhin zu und das sage ich völlig wertfrei. Sowohl eine Erdbestattung als auch eine Feuerbestattung hat ihre Vorteile. Wichtig ist mir, dass niemand zu irgendetwas gedrängt wird, dass es für den Verstorbenen stimmig ist und die Hinterbliebenen gut damit leben können.

Schade finde ich, dass viele Beisetzungen im allerkleinsten Kreis stattfinden. Dies liegt allerdings häufig daran, dass die Person, die gestorben ist, sich das so gewünscht hat. Häufig ist der Grund dafür, niemanden zur Last fallen zu wollen.

 

Wellhöner:  Das kann ich schwer beurteilen. Vielleicht wird die Spannung größer zwischen der intensiven Auseinandersetzung mit dem Sterben einerseits, woran die Hospizbewegung einen guten Anteil hat, und der Tabuisierung des Todes andererseits. Mich bedrückt die Anonymisierung und Privatisierung des Todes.  

 

Haben Sie den Eindruck, dass Menschen mit dem Tod befangener oder hilfloser umgehen als noch vor zwanzig Jahren?

Schock: Die Ferne zum Tod und die oft sehr privat gelebte Trauer um einen Angehörigen sind in unserer Gesellschaft sehr fest verankert. Ich sehe aber in den letzten Jahren eine Chance durch die Aufwertung von Patientenverfügungen, die die eigenen Vorstellungen vom Sterben und Tod öffentlich machen. Ich kann nur jeden ermutigen, diese nicht nur als Papier in die Schublade zu legen, sondern mit Angehörigen in den Zeiten, in denen es einem gut geht, zu besprechen. Es erleichtert insbesondere den Angehörigen, aber auch den Behandelnden, einen Menschen in den Tod loszulassen.

 

Züfle: Eigentlich eher das Gegenteil. Zumindest möchte ich mich gerne dafür einsetzen. Sicherlich waren die Menschen vor vielen Jahren, als es selbstverständlich war, dass man in der Großfamilie jemanden Zuhause verabschiedet hat und der Verstorbene bis zur Bestattung Zuhause blieb, weniger hilflos, denn jede/jeder ist da irgendwie hineingeboren.

Allerdings höre ich immer wieder Geschichten von Menschen, die als Kind irgendwo ohne Vorbereitung in den Raum eines Verstorbenen gezogen wurden und die bis heute damit kämpfen. Das sollte nicht passieren. Angehörige, egal ob Kinder oder Erwachsene, sollten so begleitet werden, dass sie bestmöglich mit Gesehenem und Erlebtem umgehen können. Sicherlich eine Herausforderung, aber ein Erklären dessen, was man antrifft, hilft schon viel.

Letztendlich: Wenn ein lieber Mensch stirbt, kann das jede und jeden hilflos machen. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Nichts ist mehr, wie es war. Da darf man hilflos sein. Da darf man Hilfe in Anspruch nehmen. Befangen zu sein halte ich für blockierend, aber das erlebe ich sehr selten.

 

Wellhöner: Der Wunsch, bewusst und selbstbestimmt sterben zu dürfen, wird begleitet von der Angst, dass einem genau das verwehrt wird. Es kostet viel Mut, sich diesem Konflikt und den damit verbundenen Fragen zu stellen. Wer soll eine Vorsorgevollmacht erhalten? Was soll in der Patientenverfügung geregelt sein? Wem kann man vertrauen?

 

Gibt es Rituale, die in den letzten Jahren zugenommen haben?

Schock: Das einzige, was vielleicht zugenommen hat, ist die Bereitschaft oder der Wunsch von Angehörigen, auch schon beim Sterbeprozess anwesend zu sein und nicht erst nach dem Tod informiert werden zu wollen.

 

Züfle: Ja! Auf jeden Fall. Z.B.:

Ein Foto, eine Collage, eine Bildpräsentation des Verstorbenen.

Ein „Teelichtritual“, d.h. jeder Trauergast darf ein Licht für den Verstorbenen anzünden.

Das Bemalen oder Gestalten des Sarges.

Dabei sein beim Versorgen der/des Verstorbenen. Dabei sein beim Abholen oder der Kremation. Und vieles mehr!

 

Wellhöner: Wahrscheinlich gibt es das, aber ich bekomme als Vertreterin der evangelischen Kirche lange nicht alle mit. Wir folgen ja einem eigenen Bestattungsritual.

 

Gibt es Rituale, die in den letzten Jahren abgenommen haben oder weggefallen sind?

Schock: Aus meiner beruflichen Sicht nicht.

 

Züfle: Es werden nicht mehr so viele Gebetskarten oder auch „Sterbebilder“ genannt, gewünscht (eine katholische Tradition, in Bayern nicht wegzudenken).

Auch das Auflegen eines Kondolenzbuches wird seltener.

Häufiger finden Abschiede nicht öffentlich, sondern im engen Kreis statt (unabhängig von Corona). - Aussegnung der/des Verstorbenen.

Schwarze Kleidung bei Trauerfeiern oder ein Jahr schwarz tragen.

 

Wellhöner: Aussegnungen zu Hause und Abendmahle mit Sterbenden haben signifikant abgenommen.

 

Gibt es Unterschiede bei Bestattungen, wenn diese im ländlichen Raum oder in der Stadt stattfinden?

Schock: Beruflich habe ich mit den Bestattungen nichts zu tun.

 

Züfle: Ja! auf jeden Fall.

In ländlicheren Gegenden gibt es noch mehr Erdbestattungen. Mehr traditionelle Bestattungen und mehr „So macht mer‘s“. Es wird noch viel mehr darauf geachtet, „den Leuten“ alles recht zu machen. Ich wünsche Trauernden gerne mal einen „gesunden Egoismus“, denn immer wieder macht man etwas, weil man denkt, das Umfeld wünscht das, braucht das oder es sollte so sein... Und dann wird man sich letztendlich selbst nicht gerecht.

Also: Bitte Mut haben, alles so zu machen, wie es für die verstorbene Person und für einen selbst passt.

Schön ist, dass man in ländlichen Gegenden in der Regel viel mehr Zeit hat und außer dieser einen Beerdigung sonst keine an diesem Tag ist. In den großen Städten ist alles durchgetaktet.

 

Wellhöner: Nach meinem Eindruck nehmen im ländlichen Raum die Nachbarn und Menschen der Dorfgemeinschaft selbstverständlich an Beerdigungen teil. Der Tod wird nicht als privates Ereignis einer Familie begriffen. Auch der Friedhof als öffentliche Agentur für Trauer, wo man anderen begegnet, sich austauscht und sogar tiefe Freundschaften entstehen, spielt im ländlicheren Raum eine größere Rolle als im städtischen.

 

Ist für den Arzt, die Pfarrerin der Umgang mit den Sterbenden oder mit den Angehörigen schwieriger?

Schock: Der Umgang mit Sterbenden oder Angehörigen war für mich zunächst eher aufgrund meiner Unerfahrenheit schwierig. Mit zunehmender Erfahrung fiel mir der Umgang leichter. Die einzig schwierige Situation ist, wenn der Tod durch eine medizinische Maßnahme eingetreten ist.

 
 

Wellhöner: Vor allem in den Palliativstationen wird mittlerweile professionsübergreifend und sehr respektvoll zusammengearbeitet, um Patienten und Angehörige gut zu behandeln. Der Umgang ist nicht „schwierig“, verlangt aber viel Kompetenz in der Gesprächsführung. Dies kann jede Berufsgruppe erfahrungsbezogen üben und lernen.

 

Was brauchen oder fordern die Angehörigen Verstorbener nach Ihrer Ansicht besonders?

Schock: Angehörige brauchen meiner Ansicht nach hauptsächlich die Aufforderung und die gesellschaftliche Erlaubnis, offen mit dem Tod und der Trauer um den Angehörigen umzugehen. Lediglich bei unerwarteten Todesfällen trifft einen oft der Wunsch, eine Erklärung für die „Warum-Frage“ zu erhalten.

 

Züfle: Persönliche, menschliche ehrliche Begleitung! Zeit und Raum! Dasein. Sicherheit. Sortieren, wenn es einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Einen „Fahrplan“, wie es weitergeht. So sein dürfen, wie man ist. Ein offenes Ohr. Eine Person und keine Nummer sein. Verständnis. Erreichbar sein – am besten immer. Ein „zwischen den Zeilen hören“, also auch ungesagte Wünsche/Bedürfnisse „hören“.

 

Wellhöner: Krankheit, Pflege, Sorge und Angst sowie der endgültige Abschied zehren an der Kraft, auch der unerwartete Tod belastet lange schwer. Angehörige und Hinterbliebene leisten körperliche und seelische Schwerstarbeit. Sie sind erschöpft. Auch Schmerz ist keine Metapher! Hinterbliebene brauchen (Zeit-)Räume der Erholung für Leib und Seele und sollen nicht sofort wieder alltagstauglich funktionieren müssen. Und sie brauchen eine Anerkennung ihres Verlustes. Auch schwierige, schwer erkrankte, hochbetagte, behinderte Menschen werden zutiefst betrauert und beweint.

 

Wie wichtig sind besondere Räume im Krankenhaus, einem Bestattungsinstitut oder auf dem Friedhof, um von Verstorbenen Abschied zu nehmen?

Schock: Solche Räume sind unvermeidlich wichtig. Die Zeit, um vom Verstorbenen Abschied zu nehmen, auf die ganz persönliche Weise, ist mit das Wichtigste.

 

Züfle: SEHR WICHTIG!

Abschiednehmen kann für den persönlichen Trauerprozess sehr hilfreich sein. Sich verabschieden, vielleicht noch Ungesagtes sagen, ein Gebet, einen Segen, ein „Danke“, ein Be-greifen und der bitteren Wahrheit ins Gesicht sehen. Wir befürworten eine persönliche Abschiednahme und sind froh, einen Raum dafür zu haben, der für Angehörige auf Wunsch auch rund um die Uhr zugänglich ist.

Abschiednehmen: Ja oder Nein? Es gibt kein Richtig  oder Falsch. Wenn man allerdings auch nur einen Hauch von Gefühl hat, dass man hingehen sollte, dann sollte man es tun Man bekommt diese letzte Möglichkeit nicht zurück.

Von den Menschen, die ich bisher begleitet habe, hat es noch niemand bereut, im Gegenteil.

 

Wellhöner: Manche dieser Räume sind leider in einem Zustand, der schon für gesunde und stabile Menschen eine Zumutung ist. Aber das Gespür für die Wichtigkeit solcher Zwischenräume ist deutlich gewachsen. Angehörige erleiden durch den Tod einen schweren Verlust. Selbst wenn er sich lange angekündigt hat und es jetzt gut ist, dass er eingetreten ist, erschüttert er. Da ist ein sorgfältig gestalteter Raum eine bergende Hülle und unbedingt eine wirksame Hilfe. Ich glaube, dass der Trost bergender Räume in dieser Situation kaum überschätzt werden kann.

 

Wie gehen Sie persönlich mit Todesfällen um, mit denen Sie beruflich zu tun haben?

Schock: Da im Krankenhaus in der Regel mehrere Personen den Tod erleben und begleiten, findet in den meisten Fällen eine Aufarbeitung durch Gespräche dieser Personen untereinander statt. Dies ist ein sehr hilfreicher Prozess, um bei besonderer Betroffenheit entlastet zu werden und zu entlasten

 

Züfle: Wichtig finde ich, dass man ein privates Umfeld hat, welches diesen besonderen Beruf mitträgt, und das habe ich: Gott sei gedankt. Wir im Team stehen in engem Kontakt und geben Zeit und Raum für einen Austausch. Ergänzend braucht es „neutrale“ Menschen, mit denen man über Erlebtes reden kann. Kraft für meine tägliche Arbeit gibt mir meine Familie, die Musik, der Sport, die Natur, mein Freundeskreis, die wertschätzenden und schönen Rückmeldungen der Menschen, die ich begleitet habe, und nicht zuletzt mein Glaube.

 

Wellhöner: Ich versuche, mir klarzumachen, dass die/der Verstorbene nicht mein Verstorbener ist. Ich versuche mich in die Situation und das Erleben der Angehörigen einzufühlen, ohne wie sie zu fühlen. Und ich suche Worte, die einerseits dem Tod entgegentreten und das Schweigen brechen und andererseits die eingetretene Stille nicht stören

 

Wie hat sich durch Corona der Umgang mit Tod und Bestattungen geändert?

Schock: Ich kann bisher keine Veränderung erkennen.

 

Züfle: Zusammengefasst: „Alles auf Abstand“. Das ist gerade beim Abschiednehmen und in der Trauer sehr schwierig.

Zum Teil konnten die Angehörigen ihre Verstorbenen lange Zeit nicht einmal sehen. Ein Angehöriger sagte zu mir: “Wenn meine Mutter jetzt nicht an den Folgen ihrer Krankheit gestorben wäre, wäre sie an Vereinsamung gestorben“.

Abschiednahmen auf den Friedhöfen waren grundsätzlich verboten, das ist zum Glück wieder möglich. Wir sind froh, einen eigenen Abschiedsraum zu haben. Bestattungen waren nur noch unter freiem Himmel möglich. Zu selektieren, wer alles zum Abschied kommen darf: schrecklich! Abschiednehmen unter „Gottes freiem Himmel“ habe ich als sehr schön erlebt, aber man ist eben jedem Wetter ausgesetzt.

Hinterbliebene zu begleiten, die einen Menschen durch das Virus verloren haben, ist nochmal eine ganz neue Herausforderung. Es hat sich viel verändert, doch ich denke, es liegt an uns Begleitenden, Ideen zu finden, wie wir gut begleiten können. So wurde z.B. ein Trauergottesdienst live im Internet übertragen, oder Menschen bringen selbstgebackene mit Namen gestempelte Kekse oder Flachswickel zur Beerdigung auf den Friedhof – quasi als „Leichenschmaus“.

Wir regen an, dass alle, die gerne zur Beerdigung kommen möchten, aber nicht dürfen, zu Hause eine Kerze entzünden, oder sie beten zu einer vereinbarten Uhrzeit das Vaterunser. Das kann man von jedem Ort aus zur gleichen Zeit tun.

 

Wellhöner: Corona hatte verheerende Auswirkungen. Die Teilnahmebeschränkungen bei Beerdigungen haben Trauernde der einfachen und selbstverständlichen Solidarität anderer Menschen beraubt. Sie erfuhren nicht den Trost eines Kirchengebäudes und der Musik. Das Wegfallen stützender Rituale verursacht eine Leere, die dem Trauerprozess schadet.

 

Wie würden Sie den Satz vervollständigen: „Der Tod bedeutet für mich …“

Schock: Der Tod bedeutet für mich das Ende meiner Lebenszeit auf der Erde. Getragen durch meine Glaubensvorstellung, dass Gott uns bei sich im ewigen Leben aufnimmt. Ohne Streit, Krankheit und Ungerechtigkeit ist der Tod für mich eigentlich ein Neuanfang. Lediglich ein mögliches Leiden bis zum Tod kann mir Sorgen bereiten.

 

Züfle:
A) Wenn ich Abschied nehmen muss:

…. Töne in moll, Abschied, Trauer, Schmerz, Hoffnung, Danke, dass du da warst und mein Leben bereichert hast. Warum?

B) Wenn ich selbst einmal gehe:

… Sorge um die, dich ich zurücklasse.

Aber auch: Leben. Ewig. An einem guten Ort sein, bei unserem Vater im Himmel!

Darauf will ich hoffen und vertrauen.

 

Wellhöner: … dass ein Menschenleben unwiederbringlich vorbei ist. Mit dem Tod rutscht das irdische Leben in die Vergangenheit. Mich beschäftigt der Widerspruch, dass der Tod einerseits als der letzte Feind begriffen wird, andererseits aber alle Menschen sterblich geschaffen sind. Dem Tod durch Gewalt, Hunger, Einsamkeit und Lieblosigkeit muss mit allen Kräften widerstanden werden. Den Tod am Ende unseres Lebens, wenn es Zeit geworden und das Leben hoffentlich gelebt ist, sterben wir einmal und dann nie mehr. Ich hoffe, dass es mir einmal gegönnt ist, in Frieden das Zeitliche zu segnen und im Vertrauen auf Gott zu sterben.