Gott öffnet Türen

Manche Menschen setzen sich auch im Ruhestand nicht zur Ruhe. So war Otto Schaude nach seinem Eintritt in den Ruhestand bis zu seinem Tod im September 2016 Bischof in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO). Seine Frau Brigitte erzählt im Interview mit Gudrun Strecker aus ihrem Leben an seiner Seite.

 

Zeitlebens hat Otto immer nach vorne gedacht und etwas bewegt. Und dich habe ich erlebt als jemanden, der seine Arbeit konstruktiv begleitet und dabei die eigene Persönlichkeit gewahrt hat.

Die Arbeit von Otto zu begleiten war eine große Bereicherung für mich. Er hat die FES (Freie Evangelische Schule in Reutlingen) mitbegründet und war bis 1991 ihr Schulleiter. Danach hat er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand den Api-Gemeinschaftsverband geleitet. Durch unser Haus gingen viele Gäste, und ich habe interessante Menschen kennengelernt. 24 Jahre lang war er in der Landessynode. Nach Eintritt in den Ruhestand hat er auf Bitten der Liebenzeller Mission ihre Missionare im Ural besucht, sie in ihren Anliegen wahrgenommen und ihnen aus dem Wort Gottes Ermutigung gegeben. Wir waren dann überrascht, als Otto gebeten wurde, das Bischofsamt der Kirche zu übernehmen.

 

Was hat dich bestärkt, diesen Weg mitzugehen?

Ich habe Gott um eine Berufung auch für mich gebeten: „Wenn du, Gott, mir das nicht selber sagst, dass dieser Weg auch meine Aufgabe ist, dann kann ich das nicht.“ Kurz danach habe ich eine Predigt gehört über Josua 3. Das war für mich die Antwort: Jetzt ist es dran, „den Jordan zu überqueren“.

 

Du bist immer Ottos Wege mitgegangen. Hast du nichts vermisst?

Wir konnten aufgrund des Visums drei- bis viermal im Jahr für längere Zeit in Russland leben. Ich war für die „Logistik“ zuständig: Koffer packen, den Haushalt führen, einkaufen – das hat Kraft gekostet, wenn man nur geringe Sprachkenntnisse hat. Ich habe Otto zugearbeitet und ihn auf den weiten Reisen begleitet. Und er hat mich als Ansprechpartnerin gebraucht, denn in einer leitenden Position kann man sehr einsam sein, zumal in einem ganz anderen Kulturkreis.

Ich habe zwar eigene Interessen zurückgestellt, aber ich habe nichts verpasst. Ich hatte ein reiches Leben. Ich bin gewachsen an meinen Aufgaben und habe viel gelernt.

 

Im Herbst 2014 habt ihr eine schlimme Diagnose bekommen.

Otto war gerade 70 Jahre alt geworden. Plötzlich hatte er Sehstörungen. Zurück in Deutschland wurden bei ihm Metastasen im Gehirn festgestellt. Auf seine Frage, welche Lebenserwartung er noch habe, hat er die klare Antwort bekommen: „Noch zwei Jahre!“ So ist es dann auch gekommen. Otto war dann entschlossen, seinen Ärzten zu vertrauen und nicht alle möglichen Therapien auszuprobieren. Das war für mich entlastend. Aber zuerst – nachdem wir diese Diagnose bekommen hatten – habe ich nur funktioniert.

Bis zum Frühjahr 2016 konnte er, unterbrochen von Schüben mit Krankenhausaufenthalten (gemeinsam mit mir), seine Aufgaben in Russland wahrnehmen. Im April 2016 waren wir zum letzten Mal dort. Er hat noch einen Nachfolger vorgeschlagen.

Wenn man die Krankheit früher erkannt hätte, wäre die Arbeit in Russland so nicht möglich gewesen. Sie war auf ihn und seine Fähigkeiten zugeschnitten.

 

Wie seid ihr damit umgegangen, dass die Stärke der Schwäche gewichen ist?

Otto hat Verfügungen für seine Beerdigung getroffen. Im Übrigen hat er viel im Stillen durchgekämpft. Es war nicht leicht für ihn, alles loszulassen, was seine Persönlichkeit ausmachte. Loslassen ist im Sterbeprozess ein ganz großes Thema.

 

Was hat dir Kraft gegeben?

Ein Vers aus Zef. 3, 16f: Lass deine Hände nicht sinken! Denn der Herr, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. – Wir waren umbetet. Wir waren getragen im Glauben. Wir haben viel Unterstützung bekommen, viele Hilfsangebote.

Die Situation war sehr intensiv. Es gab so viel zu organisieren. Vielleicht hat auch das geholfen: Die Endlichkeit dieses schweren Weges war absehbar. – Die letzten zwei Monate war Otto im Hospiz. Da konnte ich die Last der Verantwortung abgeben.

 

Was hilft dir, dein Leben jetzt alleine zu gestalten?

Es war mir schnell klar, dass ich in der Zeit „danach“ mein Leben selber planen und gestalten muss. Ich hatte ganz schnell die Perspektive: Ich will mein Leben so organisieren, dass ich es auch mit eingeschränkten Kräften noch bewältigen kann. Gott erhört Gebete. Er hat Türen aufgetan, eine nach der anderen. Ich konnte unser Haus verkaufen und wohne jetzt in der Nähe einer unserer Töchter in Bernhausen. Gott hat mir diese Lebensphase geschenkt, in der ich Dinge tun kann, die früher nicht möglich waren. Ich singe zum Beispiel in zwei Chören mit – wenn nicht gerade Corona ist. Was noch hilft: eine Freundin, die in einer ähnlichen Situation lebt wie ich. – Natürlich ist die Trauer immer wieder präsent.

Außerdem bin ich bin dreimal im Monat als ehrenamtliche Helferin im Hospiz.

 

Welche Erfahrungen gibst du dort weiter?

Ich bin, wenn du so willst, ein lebendes Beispiel für Resilienz: Man kann auch schwere Situationen bewältigen.

Es braucht viel Empathie. Ich kann mich aus eigener Erfahrung in die Situation von Todkranken und ihren Angehörigen hineinversetzen und sie „abholen“. Wenn ich jemandem zum Beispiel sage: „Man stellt sich auf den Tod ein, und wenn es soweit ist, gell, dann ist es doch ein Schock!“ – dann habe ich schon zur Antwort bekommen: „Sie wissen ja, wie das ist!“

2017 habe ich an einem Kurs für ehrenamtliche Hospizarbeit teilgenommen. Das war herausfordernd, aber auch hilfreich. Manches habe ich im Nachhinein besser verstanden. Die Hospizmitarbeiter ermutigen auch dazu, sich in solchen Ausnahmesituationen immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen.

 

Und welche Erfahrungen möchtest du uns mitgeben?

Die Perspektive in den Blick nehmen, wie man das eigene Leben gestalten möchte. Beizeiten fürs Alter vorsorgen, solange man dazu in der Lage ist. Je älter man wird, desto mehr steht man, glaube ich, in der Gefahr, nur von einem Tag auf den anderen zu leben, und blendet die Zukunft aus. Manche denken halt, es wird, wie’s wird. Für die Kinder ist es entlastend, wenn sie merken, dass die Eltern vorausdenken und darüber reden. Wenn man diesen Prozess angeht, hilft das Vertrauen, dass Gott begleitet, und man erlebt, dass er Türen auftut.

 

Vielen Dank, liebe Brigitte, dass du uns an deinem Leben und deinen Gedanken Anteil gegeben hast. Gott segne dich auf deinem weiteren Lebensweg!