Kinder stark machen

Ulrike Mohring ist Koordinatorin für die Ehe- und Elternkurse von Alpha Deutschland. Sie hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem Mann in Minden. Sie übersetzt und entwickelt Kursmaterialien und unterstützt Kirchengemeinden dabei, eigene Ehe- und Elternkurse mit den Materialien von Alpha durchzuführen.

Eltern können im alltäglichen Familienleben viel dazu beitragen, das kindliche Selbstvertrauen zu stärken, damit Kinder zuversichtlich heranwachsen und den Widrigkeiten des Lebens entgegentreten können. Kinder benötigen verlässliche Bezugspersonen, die ihnen Wärme und Verständnis entgegenbringen, um Resilienz aufzubauen.

Doch auch weitere, für das Kind wichtig Personen wie Großeltern, Paten, die Erzieherinnen und Erzieher in der KiTa, Lehrerinnen und Lehrer oder kirchliche Gruppenleiter können Kindern Wertschätzung und Ermutigung vermitteln und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärken. Hier einige Anregungen für Eltern:

 

Die positive Selbstwahrnehmung des Kindes stärken

Kinder, die sich der bedingungslosen Liebe ihrer Eltern sicher sind, können ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Auch Kinder spüren, dass wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben. Schlechte Schulnoten können einem Kind schnell das Gefühl vermitteln, nicht gut genug zu sein. Freizeitbeschäftigungen wie Sport oder das Lernen eines Musikinstruments können ebenfalls zu einem ungesunden Wettbewerb führen. Kindern und Teenagern wird heute durch Fernsehsendungen und Social Media vermittelt, dass es wichtig sei, schlank, schön und beliebt zu sein. Dem können Eltern bewusst entgegenwirken, indem sie ihre Kinder mehr loben als kritisieren und das Einzigartige an jedem Kind herausstellen. Am besten „wirkt“ ein Lob, wenn wir konkret beschreiben, was uns positiv aufgefallen ist. Wir können unseren Kind zum Beispiel sagen: „Ich mag es, wenn du Flöte spielst. Das klingt so fröhlich und du wirst immer besser!“ Oder: „Danke, dass du dich mit deinem kleinen Bruder beschäftigt hast. So konnte ich schnell das Büro aufräumen.“ Oder: „Wenn du etwas zeichnest, bist du ganz bei der Sache. Es scheint dir viel Spaß zu machen.“

Praktische Tipps, wie Eltern ihren Kindern Liebe zeigen können, bieten auch die Bücher von Gary Chapman: „Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder“ und „Die fünf Sprachen der Liebe für Teenager“. Der bekannte Autor beschreibt darin, dass einige Kinder eher durch aufbauende und ermutigende Worte, andere durch Körperkontakt wie gemeinsames Toben oder Kuscheln, andere wiederum durch gemeinsam verbrachtet Zeit oder andere „Sprachen der Liebe“ erleben, dass sie geliebt und wertgeschätzt werden. Jeder Mensch scheint eine eigene „Sprache der Liebe“ zu haben, die er besonders gut versteht.

In unserer schnelllebigen Zeit helfen feste Familienrituale, dass unsere Kinder ausreichend Zeit und Zuwendung erhalten und sich als Teil der Familie erleben. In herausfordernden Zeiten können sie auf das Wissen zurückgreifen, dass sie nicht allein sind. Außerdem lernen sie in der Familie wichtige soziale Fähigkeiten und Modelle für den Umgang mit Konflikten und Herausforderungen. Hier einige Ideen und Anregungen:

 

Hilfreiche Rituale:

Gemeinsame Mahlzeiten. Versuchen Sie, so oft es geht, mindestens einmal am Tag als Familie gemeinsam für eine Mahlzeit am Tisch zu sitzen. Dort können sich alle sehen und wir haben Gelegenheit, uns etwas zu erzählen. Bildschirmgeräte sollten in dieser Zeit ausgestellt werden. Kinder und Eltern legen das Handy beiseite. So signalisieren wir den anderen: Ihr seid mir wichtig.

Alte Redensarten wie „Beim Essen spricht man nicht!“ oder „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“ dürfen wir getrost in die Mottenkiste entsorgen. Stattdessen können wir fragen: „Wie ist dein Tag heute verlaufen?“ – „Wer hat etwas Schönes erlebt?" oder: „Welche Pläne gibt es schon für das nächste Wochenende?“

Bei gemeinsamen Mahlzeiten erleben Kinder ein Zusammengehörigkeitsgefühl als Familie: Als Eltern sorgen wir dafür, dass jeder zu Wort kommt und etwas erzählen darf. Es darf auch lustig und lebhaft zugehen. Kürzlich berichtete eine Mutter beim Austausch im Online-Elternkurs, dass es zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen gehört, wie ihr Vater beim gemeinsamen Abendessen durch witzige Trommelwirbel mit den Essstäbchen die ganze Familie zum Lachen brachte.

Wir haben die gemeinsamen Mahlzeiten in unserer Familie immer mit einem Tischgebet begonnen. Dies war manchmal ein frei gesprochenes Gebet, manchmal auch ein Tischlied, das sich die Kinder aussuchen durften. Wenn es Sorgen gab, wenn jemand krank war oder ein Kind aufgeregt war wegen einer anstehenden Klassenarbeit, haben wir dieses Anliegen im gemeinsamen Tischgebet mit angesprochen. So haben die Kinder erlebt, dass wir uns jederzeit an Gott wenden können und dass wir in der Familie füreinander beten.

Kinder können bei gemeinsamen Mahlzeiten auch ganz beiläufig erleben, wie Eltern Absprachen für ihren Alltag organisieren, sich zum Beispiel über die Nutzung des Familienautos einigen oder bei Alltagsproblemen verschiedene Möglichkeiten miteinander abwägen und sich dann auf eine davon einigen. Alleinerziehende Eltern können Freunde oder Großeltern auf ähnliche Weise miteinbeziehen. Auf diese miterlebten Lösungsmuster können Kinder später bei eigenen Problemen zurückgreifen. Sie erleben auch: Bei Meinungsverschiedenheiten müssen wir uns nicht bekämpfen, es muss nicht immer einen Gewinner und einen Verlierer geben; wir können Lösungen finden, von denen alle profitieren.

Wir müssen nicht perfekt sein. Wertvoll ist für Kinder auch, wenn sie bei ihren Eltern und anderen in ihrem Leben wichtigen Erwachsenen erleben, dass niemand perfekt sein muss, dass wir alle hin und wieder Fehler machen und daraus lernen können. Und sie erfahren, dass wir Dinge in Ordnung bringen können, indem wir Missverständnisse klarstellen oder uns beim anderen entschuldigen: „Schatz, es ist leider heute später bei der Arbeit geworden. Ich hätte dich anrufen sollen, um dir Bescheid zu geben, damit das Essen nicht kalt wird, entschuldige bitte.“

Ich habe mich auch selbst manchmal bei einem Kind entschuldigt: „Es war nicht richtig von mir, dass ich so laut mit dir geschimpft habe, weil du vergessen hast, dein Roller in die Garage zu stellen. Das tut mir leid, bitte entschuldige.“

Bettkantengeschichten. Gestalten Sie auch den Abschluss des Tages mit einem kleinen Ritual. Lesen Sie ihrem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte an der Bettkante vor, sprechen oder lesen Sie ein Gebet oder singen sie gemeinsam ein Lied. Für kleine Kinder kann dies auch immer wieder das gleiche Bilderbuch, das gleiche Lied oder Gebet sein. Sie habe da oft sehr bestimmte Vorlieben. Auch wenn dies für uns Erwachsene langweilig und ermüdend erscheint und wir uns mehr Abwechslung wünschen, sollten wir unseren Kindern diesen Gefallen tun. Solche sich wiederholenden Abläufe vermitteln Kindern viel Sicherheit und Verlässlichkeit und helfen ihnen, abends zur Ruhe zu kommen.

Wir können unsere Kinder am Ende des Tages auch fragen: „Worüber hast du dich heute gefreut? Und worüber hast du dich geärgert?“ So zeigen wir, dass uns wichtig ist, wie es ihnen geht. Beim anschließenden Gebet können die Kinder erleben, dass sie Freude und Dank ebenso wie ihre Sorgen Gott bringen dürfen. Sie erleben, dass auch die Eltern Gott Vertrauen entgegenbringen.

 

Wir dürfen jeden Tag neu beginnen

Nach einem anstrengenden, stressigen Tag habe ich meinen Töchtern auch manchmal gesagt: „Heute war kein richtig schöner Tag, es gab Streit und wir haben uns geärgert und viel geschimpft. Aber morgen ist ein neuer Tag und das kann wieder ein schöner Tag werden.“ Vermitteln wir unseren Kindern diese Zuversicht: Wir können jeden Tag wieder neu miteinander beginnen. Jeder Tag bringt uns neue Chancen und Möglichkeiten.

 

Das Verhalten kritisieren, nicht das Kind als Person

Wenn wir uns über das Verhalten eines Kindes geärgert und es deshalb ermahnt haben oder Grenzen setzen mussten, ist es für manche Kinder wichtig, dass wir vielleicht vor dem Schlafengehen noch einmal zum Ausdruck bringen, dass wir uns zwar über ein bestimmtes Verhalten unserer Kinder geärgert haben, dass wir das Kind als Person aber stets uneingeschränkt lieben. Manche Kinder müssen es hören: „Ich habe dich so lieb, mein Schatz“ oder auch die Versicherung: „Es ist alles gut, ich bin nicht böse auf dich!“, andere müssen es spüren, etwa durch eine herzliche Umarmung.

 

Weitere Ideen für Vorlese-Zeiten

Bei unseren eigenen Kindern haben wir erlebt, dass auch ältere Kinder im Grundschulalter noch abendliche Vorlesezeiten genießen können, wenn wir dem Alter entsprechende Bücher auswählen und die Interessen des Kindes treffen. Unsere Kinder haben „Die Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis sehr geliebt und eins unserer Kinder hat sogar mit Vergnügen die alten Kinderbücher meines Mannes von Oliver Hassenkamps „Burg Schreckenstein“ entdeckt und sich daraus vorlesen lassen. Vielleicht ist das auch eine Idee für Sie, einmal zu überlegen, welche Bücher Sie als Kind besonders geliebt haben. Erzählen Sie Ihren eigenen Kindern doch einmal davon, was für sie damals so spannend oder witzig daran gewesen ist. Manche von uns oder die Großeltern haben vielleicht sogar noch einige alte „Schätze“ in ihrem Besitz. Einen Versuch ist es wert, vielleicht findet ihr Kind es ja auch interessant, einmal ein Buch vorgelesen zu bekommen oder selbst zu lesen, dass schon Mama und Papa als Kind gelesen haben?

 

Regelmäßige Familienzeiten

Planen Sie einen festen Familien-Nachmittag oder Abend pro Woche ein, an dem die ganze Familie etwas unternimmt, das allen Spaß macht, etwa gemeinsam einen Kuchen oder eine Pizza zu backen, einen Ausflug zu unternehmen oder einen bisher unbekannten Spielplatz zu besuchen. Je nach Alter der Kinder kann dies auch das gemeinsame, entspannte Frühstück am Samstagmorgen sein – Teenager lieben es, wenn sie lange ausschlafen dürfen – ein Spieleabend mit Gesellschaftsspielen, ein gemütlicher Filmabend mit selbstgemachtem Popcorn oder eine lustige Kissenschlacht am Sonntagmorgen im Bett der Eltern. Eine gute Idee ist auch, dass wir uns von unseren Kindern oder Teenagern einmal ihre Lieblings-Computerspiele erklären lassen und mit ihnen spielen. Entwickeln Sie ihre ganz eigenen Familienrituale und probieren Sie hin und wieder etwas Neues aus! So stärken Sie das Gemeinschaftsgefühl in der Familie. Wenn unsere Kinder mit uns lachen und auch einmal albern sein dürfen, schöne und entspannte Zeiten erleben, dann werden sie sich auch uns gegenüber leichter öffnen, wenn sie einmal etwas bedrückt. Auch das Band zwischen den Geschwistern wird so gestärkt und kann so zu einer wichtigen Ressource sowohl für die Gegenwart als auch für das zukünftige Leben werden.

 

Interesse zeigen: Wie war dein Tag?

Wenn unser Kind aus der Kindertagesstätte oder Schule kommt, ist es ein guter Tipp, sich etwas Zeit zu nehmen, damit das Kind von seinen Erlebnissen erzählen kann. Einige Kinder werden gern von ihren großen und kleinen Abenteuern berichten, andere sind vielleicht schweigsamer oder gehen lieber direkt in ihr Zimmer, um eine Weile allein zu sein. Wir sollten also kein „Verhör“ daraus machen, sondern es als Angebot verstehen. Statt: „Wie war es heute in der Schule?“ zu fragen, kann es hilfreicher sein, eine offene Frage zu stellen, die nicht mit einem kurzen „Ja“, „Nein“ oder „Wie immer“ beantwortet werden kann, zum Beispiel: „Mit wem hast du heute in der Pause gespielt?“ Oder: „Was war das Lustigste oder was war besonders interessant für dich heute in der Schule / im Kindergarten?“

 

Weitere Bezugspersonen

Auch Kindertagesstätte und Schule, kirchliche Kinder- und Jugendgruppen und die erweiterte Familie wie Großeltern oder Onkel und Tanten können viel dazu beitragen, dass Kinder zu starken Persönlichkeiten heranwachsen. Besonders wenn Kinder stark belastende Zeiten durchleben wie anhaltendenden Streit der Eltern, Trennung oder Scheidung der Eltern, Jobverlust eines Elternteils, psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen in der Familie, Tod eines Familienangehörigen, können diese erweiterten Netzwerke und Bezugspersonen für ein Kind enorm wichtig sein.

 

Umgang mit negativen Gefühlen und Stress einüben

Zum Leben gehört die ganze Palette an Gefühlen: Freude und Frust, Lachen und Traurigsein, Mut und Unsicherheit. Wir können es unserem Kind nicht ersparen, dass es auch einmal Zurückweisung von Gleichaltrigen erlebt, dass es nicht mitspielen darf, dass es Streit mit dem Freund oder der Freundin gibt oder es sich von einem Lehrer ungerecht behandelt fühlt. Wenn unsere Kinder in der Familie jedes Gefühl ausdrücken dürfen und angemessene Worte dafür finden, können wir ihnen helfen, auch mit schwierigen Gefühlen gut umzugehen und in einem zweiten Schritt vielleicht sogar nach einer Lösung zu suchen. Dabei gilt: Auch Jungs dürfen weinen oder sich unsicher fühlen; auch Mädchen dürfen willensstark sein oder wütend. Wir können verständnisvoll zuhören und dem Kind etwa spiegeln: „Ich sehe, du bist dolle enttäuscht, dass wir wegen des Regenwetters nicht den Ausflug machen können.“ Oder: „Du siehst traurig aus. Ist es, weil du nicht zu dieser Geburtstagsparty eingeladen bist? Möchtest du darüber reden?“ So kann sich ein gutes Gespräch ergeben. Das Kind fühlt sich wertgeschätzt, weil wir geduldig zuhören und es so sein darf, wie es ist.

 

Kindern eigene Lösungen zutrauen

Wenn Kinder traurig oder wütend sind und einem Problem gegenüberstehen, möchten Eltern oft helfen und machen vielleicht wohlmeinende Vorschläge wie: „Warum rufst du deinen Freund nicht einfach an und ihr vertragt euch wieder?“ Oder: „Komm, ich mach dir einen leckeren Kakao und dann denkst du nicht mehr daran.“ Besser ist es, dem Kind zu signalisieren, dass wir an seine Fähigkeit glauben, eine Lösung zu finden. So stärken wir es nachhaltig. Wir können sagen: „Dir fällt sicher noch etwas ein, was du tun kannst.“ Oder wir fragen: „Was können wir an diesem Regentag unternehmen? Hast du eine Idee?“

 

Bei Geschwisterstreit ist es oft weise, nicht zu früh schlichtend einzugreifen. Auch ein lautes, wütendes: „Ich spiel nicht mehr mit dir“ und der Rückzug ins eigene Zimmer ist eine selbstbestimmte Lösung. Wir können nicht immer erwarten, dass Geschwister „lieb“ miteinander spielen. In der Auseinandersetzung mit Bruder und Schwester trainieren Kinder wichtige Konfliktlösungsfähigkeiten wie Selbstbehauptung oder das Aushandeln von Kompromissen.

 

Das Vorbild der Eltern

Kinder beobachten an uns, wie wir mit negativen Erfahrungen umgehen. Wenn ich den Kuchen zu lange im Ofen gelassen habe und er oben schon etwas schwarz geworden ist, erleben meine Kinder dann, wie ich lamentiere und mich selbst abwerte: „Immer habe ich Pech, ich hab einfach zwei linke Hände!“ Oder erleben sie, dass Mama erfinderisch ist, das Verbrannte wegschneidet, den Kuchen mit einer hübschen Glasur überzieht und ihn fröhlich serviert? Erleben unsere Kinder, dass wir unseren Freunden und Verwandten gern helfen und auch selbst um Hilfe bitten, wenn wir sie benötigen? Es schadet Kindern nicht, auch einmal mitzuerleben, dass Mama und Papa ratlos oder gestresst sind. Wenn sie dann erleben, dass unser Stress weniger wird, weil wir mit einem Freund telefoniert haben, eine Runde um den Block gelaufen sind oder uns fachliche Hilfe organisiert haben, geben wir ihnen ein wertvolles Beispiel.

 

Ulrike Mohring ist Koordinatorin für die Ehe- und Elternkurse von Alpha Deutschland. Sie hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem Mann in Minden. Sie übersetzt und entwickelt Kursmaterialien und unterstützt Kirchengemeinden dabei, eigene Ehe- und Elternkurse mit den Materialien von Alpha durchzuführen.
www.ehekurs.org
www.der-elternkurs.org