Kirchenrat Tobias Schneider: Auch „kreative und ungewöhnliche Schritte unternehmen, dass Menschen Jesus begegnen.“

Seit dem 1. März 2018 haben die Missionarischen Dienste der Württembergischen Landeskirche mit ihren beiden Fachbereichen Amt für missionarische Dienste und Kirche in Freizeit und Tourismus einen neuen Leiter. Am 22. März feierte Kirchenrat Tobias Schneider in Stuttgart-Birkach seine Investitur. Mit seiner Frau Lena und seinen beiden Töchtern Salome und Mara lebte es zuvor in Willsbach, wo er vor seiner neuen Aufgabe Ortspfarrer war.

Zusammen mit zahlreichen Gästen aus dem persönlichen Umfeld, der Landeskirche und der EKD feierte Tobias Schneider seinen Investiturgottesdienst, der von Kirchenrat Dan Peter geleitet wurde. Nicht selten kann man Investiturpredigten programmatisch hören. So auch in diesem Fall die Predigt zu Markus 2: „Ja spennet die? Die machet mir mei Dach hee!“ –  […] Was uns dieser Teil der Erzählung sagt, gerade wenn wir den galiläischen Häuslesbauer mitdenken, ist, dass es manchmal notwendig ist, kreative und ungewöhnliche Schritte zu unternehmen, um Möglichkeiten zu schaffen, dass Menschen Jesus begegnen können.

Im Anschluss an den Investiturgottesdienst zeigten sich zahlreiche Gäste erfreut über die Neubesetzung der Stelle durch Tobias Schneider. Unter der Begleitung des Bläserteams des Evangelischen Jugendwerks unter der Leitung von Michael Püngel folgten Grußworte. Kirchenrätin Gisela Dehlinger als Geschäftsführerin des Bildungszentrums, machte der Anfang. Es folgten Dekan Georg Ottmar aus Weinsberg, Siegfried Mädicke für den Vertrauensrat des Amts für missionarischen Dienste und Dr. Erhard Berneburg, Leiter der Arbeitsgemeinschaft der Missionarischen Dienste auf Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie alle gaben Ihrer Vorfreude und Erwartung Ausdruck im Blick auf die zukünftige Zusammenarbeit.

Thomas Wingert

Die Predigt zur Investitur: Für "kreative und ungewöhnliche Schritte"

Die Präsidentin der Württembergischen Landessynode Inge Schneider (links) mit Kirchenrat Dan Peter (rechts)

Liebe Gottesdienstgemeinde,

ich möchte heute bei meiner Investitur über einen Text predigen, der mich schon seit vielen Jahren begleitet. Es ist eine Erzählung, die Sie alle kennen. In jeder Kinderbibel ist sie zu finden, meist mit eindrücklichen Bildern illustriert.

 

Ich lese aus Markus 2,1-12

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, daß er im Hause war.

2 Und es versammelten sich viele, so daß sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.

4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:

7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?

8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, daß sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so daß sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

 „Die Heilung des Gelähmten“ - so lautet fast immer der Titel dieser Erzählung. Und dementsprechend geht es in Auslegungen meist um die zentralen Verse des Textes. Dass Jesus dem Gelähmten die Sünden vergibt und ihn danach auch noch heilt, quasi als Beweis für die Schriftgelehrten. Dass er das kann. Dass Jesus die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben.

Ich möchte aber heute den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt des Textes legen. Es ist nämlich in gewissem Sinn auch eine missionarische Erzählung. Eine, in der es um eine Kernaufgabe, einen Grundauftrag von Kirche geht, von Haupt- und Ehrenamtlichen, von Pfarrern und Diakonen, von Oberkirchenrat und Synode, von letztlich allen Christen überhaupt.

Diese Kernaufgabe ist, dass wir Möglichkeiten schaffen, dass Menschen Gottes Wort hören und Jesus Christus begegnen können.

Und diese Kernaufgabe, so einfach sie klingt, kostet Zeit und Kraft.

Vier sind es in der Erzählung, die Zeit und Mühe auf sich nehmen. Weil sie von Jesus gehört haben, davon, dass er immer wieder Kranke heilt und von Gott erzählt. Und deshalb glauben sie fest daran, dass dieser Jesus ihrem kranken Freund helfen kann. Sie wollen, dass er Jesus begegnet und als sie hören, dass er in Kapernaum ist, bringen sie den Gelähmten hin.

Wir wissen nicht, wie weit. Vielleicht mehrere Kilometer, über staubige Straßen in der sengenden Sonne.

Und als sie endlich ankommen, da sehen sie, dass das Haus, in dem Jesus predigt, brechend voll ist. Sogar vor den Türen und Fenstern haben sich Trauben von Menschen gebildet, die einen Blick auf Jesus werfen wollen. An ein Durchkommen ist nicht zu denken, schon gar nicht mit einer Trage.

Also überlegen sich die Freunde etwas ganz außergewöhnliches. Sie, die den Gelähmten schon bis zum Haus getragen hatten, bringen ihn auf das Dach des Gebäudes. Und sie fangen an, das Dach aufzubrechen.

Auch das war sicher eine anstrengende Arbeit.

Aber die vier Freunde haben die vielen Mühen nicht gescheut. So wichtig war es ihnen, dass der Gelähmte zu Jesus kommt.

An dieser Schlüsselstelle, an der das Dach geöffnet wird, wechseln wir jetzt einmal die Perspektive. Und wir schauen ins Innere des Hauses, zu einer Person, die in der ganzen biblischen Erzählung (leider) nicht erwähnt wird.

Aber diese Person gab es. Und sie steht ganz nah bei Jesus. Vielleicht ist es ein Jünger, vielleicht eine Person aus dem Umfeld der ersten Jünger. Und dieser Mann ist ganz unheimlich glücklich. Eben weil er Jesus so nahe ist. Noch viel mehr, weil Jesus bei ihm ist, in seinem Haus. All seine Verwandten und Freunde hat er eingeladen, sie alle sollen dabei sein, wenn Jesus predigt. Wenn Jesus Wunder tut. Und jetzt ist er da. Und so viele andere Menschen auch.

Während nun der Mann, der Hausherr, darüber nachdenkt, was er doch für ein von Gott gesegneter Mensch ist, da schaut er auf den Ärmel seines Mantels. Den schönsten Mantel, den er besitzt, hat er zur Feier des Tages angezogen. Und er merkt auf einmal, wie auf seinen Ärmel Lehm rieselt.

Und als er nach oben sieht, da entdeckt er das, was viele andere in dem Moment auch merken: Da oben sind welche, die decken das Dach ab.

Und ich bin sicher, ganz sicher, dass der Mann, der galiläische Häuslesbauer, im ersten Moment dachte: „Ja spennet die? Die machet mir mei Dach hee!“ Oder etwas vergleichbares auf Aramäisch. Denn das ist die ganz natürliche Reaktion.

Und erst als er merkt, was da wirklich passiert, als der Gelähmte heruntergelassen wird und Jesus auf dieses ganze Ereignis eingeht, da hat sich der Mann vermutlich wieder beruhigt. Vielleicht. Vielleicht war er aber auch trotz allem etwas grummelig und hat sich überlegt, wie er das jetzt am Ende wieder repariert kriegt.

Was uns dieser Teil der Erzählung sagt, gerade wenn wir den galiläischen Häuslesbauer mitdenken, ist, dass es manchmal notwendig ist, kreative und ungewöhnliche Schritte zu unternehmen, um Möglichkeiten zu schaffen, dass Menschen Jesus begegnen können.

Das Dach abdecken ist symbolisch gesehen eine wirklich große Sache. Ein Dach, das verbinden wir mit Schutz, mit Heimat, auch mit Gemeinschaft. Einen Dachschaden zu haben ist weder im konkreten noch im übertragenen Sinne wünschenswert. Aber trotzdem wird in der Erzählung ein Dach abgedeckt.

In Willsbach haben wir im Zuge einer Kirchenrenovierung tatsächlich auch einmal das Kirchendach geöffnet. Nicht komplett, nur ein kleines Loch wurde hineingemacht. Und mit einem Kran wurden einige der Kirchenbänke durch das Loch auf den Dachboden gebracht um dort eingelagert zu werden. Das war aus Denkmalschutzgründen so vorgeschrieben gewesen.

Die Bänke haben wir damals ausgebaut um Platz zu schaffen für einen Multifunktionsraum. Ein Raum in der Kirche für kleine Kinder und Eltern, damit sie besser am Gottesdienst teilnehmen können, damit sie gemeinsam mit allen anderen feiern können, Gott loben und auf sein Wort hören, ihm begegnen. Und dafür war es zumindest indirekt nötig, das Dach zu öffnen.

Nicht immer muss das mit dem Dach öffnen aber so wörtlich genommen werden. Im Haus Birkach würde es wohl ziemlich Ärger geben, wenn irgendwo jemand anfangen würde, das Dach abzudecken. Vom Denkmalschutz will ich mal gar nicht sprechen.

Aber es gibt ja nicht nur Gebäude aus Stein und Beton, mit Balken und Ziegeln

Es gibt auch Denkgebäude. Eine Vorstellung, die wir von Kirche und Gemeinde als Institution haben, von dem, wie sie auszusehen hat, wie sie organisiert ist.

Und es gibt theologische Denkgebäude. Das, was wir für richtig halten. Wie es zu sein hat und auch ein Stück bequem für uns ist. Was gilt, und was nicht. – Bei uns allen ist das so. Das ist ganz normal.

Und meist fühlen wir uns auch ganz wohl dabei, so wie wir es uns eingerichtet haben. Im Gebäude, unter unserem Dach. So wie der Hausherr, der ganz nah bei Jesus war.

Aber manchmal, so hart das klingt, können es diese Denkgebäude auch anderen Menschen schwer machen, zu Jesus zu kommen.

Und wenn das geschieht und wir das merken, dann stellt sich die Frage, wem wir mehr Gewicht geben. Dem galiläischen Häuslesbauer in uns, der seine Struktur, sein Denkgebäude braucht und bewahren möchte. Oder den vier Freunden in uns, die neues wagen wollen, auch wenn es Mühe kostet, weil sie darin eine Chance sehen, für andere und vielleicht auch für sich selbst.

Ich würde mir wünschen, dass wir da insgesamt als Kirche mutiger werden. Und nicht bei jedem kleinen Loch im Dach gleich fürchten, dass alles einstürzt. Das ist damals in Kapernaum übrigens auch nicht passiert.

Liebe Schwestern und Brüder,

das alles mit den Freunden und dem Dach, das ist in der Erzählung von der Heilung trotz allem eigentlich nur Vorgeplänkel. Das, worum es geht, ist die Begegnung des Gelähmten mit Jesus.

Den letzten, wichtigen Impuls, den gibt er. Den können wir nicht übernehmen, genauso wenig wie es die vier Männer konnten. Sie haben ihr Möglichstes getan um die Begegnung zu ermöglichen und dann Gott handeln lassen.

Und Jesus hat dann das Leben des Gelähmten verändert. Weil nur er selbst das kann. Und der ehemals Gelähmte geht als neuer Mensch aufrecht davon. Vergnügt, erlöst, befreit.

Und ich bin mir sicher, dass am Ende das Loch im Dach niemanden mehr interessiert hat. Vielleicht sogar nicht einmal mehr den Hausherrn. Weil das andere viel wichtiger war. Zeuge gewesen zu sein, wie Jesus, der Heiland, ein Leben wieder heil gemacht hat.

Ehrlich gesagt, finde ich es deshalb schade, dass die vier Freunde im Text nicht mehr erwähnt werden. Die Männer auf dem Dach, was ist wohl mit ihnen geschehen?

Egal, was sie auch taten. Ich stelle mir vor, dass dieses Wunder, das sie miterlebt haben, ihren eigenen Glauben bestärkt hat. Und es sie auch all die Anstrengungen mit dem Tragen und Abdecken des Daches vergessen ließ. Mit Sicherheit waren sie fröhlich und erfüllt und haben Gott gelobt für das, was er vor ihren Augen gewirkt hat.

Und dem galiläischen Häuslesbauer ging es vermutlich genauso, trotz Dachschaden.

Und für uns gilt das auch. Bei all den Mühen und Anstrengungen, die die Arbeit in unserer Kirche oft mit sich bringt, dürfen wir die Menschen nicht aus den Augen verlieren, die dadurch in unserer Kirche Gottes Wort hören können. Denn um sie geht es. Gerade auch um die, die es schwer haben, auf bestimmten, althergebrachten Wegen überhaupt mit Gottes Botschaft in Berührung zu kommen.

Wenn wir mutig und erfinderisch wie die Männer auf dem Dach für diese Menschen da sind, dann hoffe ich, dass wir dieselben Erfahrungen machen, wie die Leute damals in Kapernaum.

Dass wir nämlich sehen, wie Gott in unserer Kirche Menschen befreit und verändert und ihnen neues Leben ermöglicht.

Und wenn das dann geschieht, in der Gemeinde oder in der übergemeindlichen Arbeit, bei persönlichen Begegnungen und auf Veranstaltungen, bei Glaubenskursen, in der Zeltkirche, auf dem Flughafen, im Hauskreis, in einer geöffneten Kirche, auf digitalem oder analogem Weg oder wie auch immer, wenn Menschen Jesus begegnen und aus dieser Begegnung Kraft und Hoffnung und Trost und Lebensmut schöpfen. Dann ist das für uns ein Grund zur Freude und Dankbarkeit, ein Grund Gott zu loben.

Ich wünsche uns, dass wir in diesem Sinne gemeinsam missionarisch unterwegs sind, mit offenen Augen für das, was Gott unter uns wirkt.

Dass er uns dabei trägt und stärkt, in seiner Kirche auf alten und neuen Wegen zu gehen.
Und wir die Kraft finden, im Vertrauen auf ihn dabei auch das ein oder andere Dach zu öffnen.

Tobias Schneider

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Ansprechpartner

Frau Dagmar Loncaric

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Dagmar.Loncaric@elk-wue.de


Herr Markus Munzinger

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Markus.Munzinger@elk-wue.de

Fax: 0711 45804-9407

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