DEN HAUSKREISEN UND DEN GEMEINDEN „INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN“

Ich habe in den Hauskreisen immer wieder sehr viele „Kostbarkeiten“ entdeckt, die einer Kirchengemeinde nicht verloren gehen sollten.

Hauskreise verantworten und verwalten und durchleben auf ihre besondere Art und Weise die Schätze des Glaubens und gehören von daher zu den besonderen Schätzen der Christenheit und ihrer Gemeinden.

Jesus brachte uns das Reich der Möglichkeiten Gottes ganz wirkungsnahe – und was kam dann?

  • Zunächst bildete sich für längere Zeit das werdende Christentum in Form von kleinen Gruppen und Hauskreisen mitten in der Gesellschaft – dazu an ihrem Rande vermehrt Mönchsgemeinschaften!
  • Diese Struktur erwies sich als so vital, dass sich bald um das ganze Mittelmeer herum die Christenheit in sehr vitaler Weise ausbreitete.
  • Erst ganz allmählich entstand daneben – nach jüdischem Vorbild mit ihren Synagogen – um Kirchengebäude herum die Gestalt größerer Gemeinden, zunehmend geleitet durch ortsfeste Kirchenbedienstete.

Hauskreise und andere Gemeinde Gruppen tragen also durch 2000 Jahre Kirchengeschichte einen besonderen Segen des anfänglichen Christentums – wie ihn Jesus selbst ganz persönlich mit seinem „Zwölf-Jünger-Hauskreis im Unterwegs“ in Gang gesetzt hat.

Gerade in Zeiten schrumpfender Kirchenmitgliedschaften täte es unseren Landeskirchen und Ihren Gemeinden gut, sich an diese vitalsten Anfänge der Christenheit zu erinnern und das Entstehen von kleinen Resonanzkreisen zu fördern und zu begleiten.

Der Glaube vertraut nicht auf die Welt, wie sie ist, sondern wie sie im Blick Gottes Gestalt gewinnen wird. Die Welt bleibt nicht länger, wie sie ist – mitten in ihr beginnt eine neue Welt nach den Möglichkeiten Gottes.

Die Feier des Abendmahls ist je und je neu eine Einübung in die besondere Art des Glaubens: Man sieht ein Stück Brot und deutet es als anwesenden und wirksamen Leib der vollen Lebendigkeit Jesu! Man trinkt einen Schluck Wein und lässt sich mit der natürlichen Wirkung zugleich durchfluten vom Herzblut der Liebe Jesu.

Wir brauchen Orte wie unsere Hauskreise, in denen man miteinander tapfer die Einladung Jesu einübt.

Das Ziel aller christlicher Kleingruppengemeinschaften ist, die Verknüpfung zwischen der eigenen Lebensgeschichte und dem Handeln Gottes nicht nur intellektuell zu entdecken, sondern sie je und je neu existenziell für unser Leben aufzudecken und miteinander durch zu tragen. Dabei kann alles menschliche Zusammenrücken nicht die Verborgenheit Gottes aufheben – und doch können wir gerade dann erfahren, inwiefern Gott uns auch in den anderen neben uns nahe zu kommen versteht!

Gott mutet uns bisweilen zu, ohne eindeutige Zeichen seiner Aktivität zu leben! Das Glauben deutet solche Erfahrungen als „Schweigen des verborgenen Gottes“!

Spätestens dann, wenn einem sein bisheriges Glaubensgebäude unter einer schweren Lebenslast zerbröselt,

  • braucht man Menschen um sich, die es mit einem bei Zweifel und Verzweiflung tapfer aushalten
  • die ihr Glauben neben einem her weitertragen, ohne einen zu nötigen, es ihnen gleich zu tun.
  • die einem selbstlos und freundschaftlich anbieten: „Lass uns einfach neben Dir für Dich mit glauben!“

BLINDFLUG AN DER SEITE GOTTES

Glauben ist nicht einfach! Das spürt man besonders dann, wenn ein Problem da ist und sich keine Lösung vom Glauben her öffnet. Dem Problem des Schweigens Gottes sind wir im Raum des Glaubens immer wieder ausgesetzt.

 

Ein (fast) normales Hauskreistreffen:

Es war wohl ein Hauskreis im Remstal. Ich war eingeladen – ohne die sonst übliche Bitte um ein Thema oder die Nennung eines internen Hauskreis-Problems. Also konnte ich mich vor meinem Besuch auf nichts oder alles einstellen.

Wir hatten uns um eine Mappe versammelt – in Leder eingebunden – etwas Besonderes verheißend.

-       „Herr Plinke, das ist unser besonderer Schatz im Hauskreis!“ – Mit diesen Worten ging der Leiter dieser Abendrunde gleich zur Sache.

-       Und sein Nebensitzer ergänzte mit auffallend feierlicher Betonung: „Das ist unser Gebetstagebuch – seit mehreren Jahren führen wir es schon!“

Mein Erstaunen war sicherlich bei jedem spürbar: „Ja, so etwas habe ich ja bisher noch in keinem Hauskreis angetroffen! – Da macht mich aber gespannt, wie Sie damit umgehen!“

-       „Ja, bei jedem Treffen wird es aufgeschlagen, um nach den letzten Einträgen zu schauen. Sie werden noch einmal laut vorgelesen. Dann fragen wir in der Runde, ob sich in der Zwischenzeit etwas zum Positiven hin bewegt hat.“

-       „Und wie Sie sich denken können: Manchmal gibt es etwas zu feiern – häufiger aber beschließen wir, einfach weiter zu beten!“ – So ein weiterer Teilnehmer mit leichtem Bedauern in seiner Stimme.

Ich war begeistert und auch neugierig, Näheres über dieses Projekt zu erfahren.

-       „Wissen Sie, irgendwann waren wir uns in der Gruppe einig, dass uns irgendetwas an den Gebeten im Gottesdienst störte. Und schnell war uns klar: Die Formulierungen vom Altar her konnten ja immer nur ganz allgemein sein – so dass sich möglichst viele Gottesdienstbesucher darin wiederfinden konnten.“

Eine Teilnehmerin war schon während des bisherigen Gesprächs immer engagierter geworden:

-       „Und was mich am meisten aufgeregt hat: Wir hatten am Sonntag zuvor ein Anliegen vor Gott gebracht. Und am Sonntag danach wurde überhaupt nicht mehr Bezug darauf genommen! Keine Nachfrage, ob das Beten der Sonntagsgemeinde irgendetwas bewirkt hat. Stattdessen wurden neue Anliegen aufgetischt – verstehen Sie: Die alten Anliegen – als ob sie schon etwas angestaubt wären, mit frischen Problemanzeigen überdeckt! Sie als Pfarrer – haben Sie dabei auch schon manchmal ein Unbehagen gespürt? Oder ist das Beten in der Kirche schon zu sehr zur Routine geworden?“

Ihrem Ehemann schien die Formulierung seiner Frau peinlich zu sein. Ich konnte ihn schnell beruhigen: „Ach wissen Sie – in unserer Kirche könnte man viele Traditionen hinterfragen.“

-       „Wissen Sie, was unserer Familie im Urlaub immer besonderen Eindruck macht? Wenn wir in einer Kapelle – meist ist es eine katholische – kleine Gebetszettelchen finden, ganz persönlich formuliert und doch für die Öffentlichkeit bestimmt. Eine tapfere Einladung zum Mitbeten sozusagen!“

Ich fragte nach: „Sie hatten doch bestimmt ein Gespräch mit dem Kirchengemeinderat – oder?“

-       „Naja, wir sind halt auf sehr viele Vorbehalte und Zurückhaltung gestoßen. Manche fanden, solche rein persönlichen Gebete gehörten eher ins ‚stille Kämmerlein‘!“

-       „Und mir hat jemand gesagt, so viel persönliche Frömmigkeit in die Öffentlichkeit getragen, das würde unsere Gemeinde ganz schnell spalten!“

Ich merkte: Jetzt wird es heiß in unserer Runde. Ich fragte nach: „Ja, dann sind Sie also vor den Mächtigen in Ihrer Gemeinde aufgelaufen?“

-       „So schnell wollten wir nicht aufgeben. Deshalb haben wir unserem Pfarrer eine leere Mappe – eben diese da auf dem Tisch vor uns – überreicht mit der Bitte, sie in einer Ecke unserer Kirche aufzulegen für persönliche Gebetsanliegen.“

-       „Ja, aber auch das wurde uns abschlägig beschieden – mit der Notiz, man kenne einander in der Gemeinde doch so genau, dass jeder ganz schnell wüsste, wer das geschrieben hat. Die notwendige Anonymität wäre dadurch nicht gewahrt!“

-       „Seitdem liegt unsere Gebetsmappe immer in unserer Mitte auf dem Tisch und steht uns Woche um Woche zur Verfügung.“

„Na, da kann ich Ihnen ja nur gratulieren – und Ihrer Gemeinde auch! Denn ich nehme mal an, dass Ihnen der eine oder andere im Ort seine besonderen Gebetsanliegen anvertraut – oder?“

Ich merkte erstaunt, dass jeder sich in der Runde ein wenig zu ducken begann.

-       „Also, nach unseren negativen Erfahrungen mit der Gemeinde halten wir unsere Gebetsaktion im Stillen ab. Das ist doch verständlich, oder?“

-       „Dazu muss ich aber nun der Ehrlichkeit halber hinzufügen: Wir scheuen uns auch noch aus einem anderem Grund, mit unserer Gebetsmappe an die Öffentlichkeit zu gehen! Was meint ihr – soll ich es sagen?“

Nach kurzem allgemeinen Schweigen ein gemeinschaftliches Kopfnicken.

-       „Um ganz offen zu sein: Wir wollen uns auch nicht blamieren! – Denn was ist, wenn unsere Gebetsanliegen nicht zu dem Ziel führen, wofür wir gebetet haben?“

-       „Kommt da nicht der christliche Glauben insgesamt in Verruf?“

-       „Und die, die schon immer gezweifelt haben, nehmen das als gefundenes Fressen für ihre Kritik an der Kirche!“

-       „Ach was, ein amerikanischer Prediger hat es einmal so formuliert: „It’s our job to pray – but it’s Gods job to heal!“ – Also: Unsere Aufgabe ist es zu beten – Gottes Aktion ist es, auf seine Weise zu heilen! Alles andere betrügt die Gemeinden um die Möglichkeiten und Kräfte des Glaubens!“

Wie man sich vorstellen kann, ging es an diesem Abend noch hoch her. Aber die Sache, um die es ging, hat mich seither nie mehr verlassen. Und das alles hat mich stolz werden lassen auf solch tapfere Hauskreise!

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  • add Den Hauskreisen und den Gemeinden "ins Stammbuch geschrieben"

    Den Hauskreisen, den anderen Gemeindegruppen – und überhaupt unseren landeskirchlichen Gemeinden – ins Stammbuch geschrieben!

    Kap.1      Intro u. „Hauskreise – wie Puzzle! Und Gott spielt im Verborgenen mit!“

    I.

    Man sagt, als Rentner habe man viel Zeit.

    -       Ich habe sie auch dazu genutzt, Neuland im Raum des Glaubens zu entdecken.

    -       Dabei hat es mir geholfen, dass ich stark herausgefordert wurde durch persönliche und familiäre Ereignisse, die mich immer wieder plötzlich sehr grundsätzlich an Gott haben zweifeln lassen.

    -       Ich habe dabei entdeckt, das Glauben als Herausforderung zu einem je und je neuen Experiment im Blick auf Gott zu erfahren.

    -       Immer wieder einmal habe ich dann bedauert: „Schade, dass ich das den mir anvertrauten Hauskreisen nicht auch habe vermitteln können!“

    Davon möchte ich in den folgenden Kapiteln unseren Gemeindegruppen und ihre landeskirchlichen Gemeinden ins Stammbuch schreiben, was mir für die Entwicklung des Christenseins – gerade angesichts der schrumpfenden Mitgliederzahl unserer Kirche – wichtig geworden ist.

    Es ist jetzt etwa elf Jahre her, dass ich mich im Stift Urach aus meiner Verantwortung für die landeskirchliche Hauskreisarbeit verabschiedet habe.

    -       Gerne denke ich an diesem Festtag zurück.

    -       Dankbar bin ich noch heute meiner Landeskirche, dass sie meinem imponierenden Vorgänger Ortwin Schweitzer und dann auch mir eine volle Dienststelle für die Arbeit mit den damals ca. 5000 Hauskreisen bereitstellte.

    -       Es hat mich in den letzten Jahren erleichtert, dass Markus Munzinger schließlich – in bewährter Zusammenarbeit mit Dagmar Loncaric – durch das Stuttgarter Amt in meine Nachfolge berufen worden ist. Immer wieder bekomme ich Signale, dass beide den Hauskreisen im Land gut tun.

    -       Ich bin noch heute erstaunt, wie viele reiche Erinnerungen an Begegnungen mit Hauskreisen und an Personen, die sie   vor Ort gefördert haben, mir noch lebendig geblieben sind.

    -       Manche Skizzen davon sind mir noch gegenwärtig.

    Ich habe meine gesamten Aktivitäten in 15 Jahren Hauskreisarbeit verstanden in zwei Richtungen:

    -       Mein Ziel war, den Gemeindekreisen, die sich in der Regel unscheinbar am Rande ihrer Gemeinde verstanden, ihr besonderes Wertbewusstsein zu stärken.

    -       Zugleich habe ich daran gearbeitet, den Gemeinden – und insgesamt unserer Landeskirche – deutlicher zu machen, was sie verlieren, wenn sie ihre kleinen Gruppierungen nicht genügend wertschätzen und fördern gegenüber anderen gemeindlichen Aktivitäten und Wichtigkeiten.

    Gerade heutzutage in Zeiten schrumpfender Kirchenmitgliedschaften täte es unseren Landeskirchen und ihren Gemeinden gut, sich an diese vitalsten Anfänge der Christenheit zu erinnern und das Entstehen von christlichen Resonanzkreisen zu fördern und zu begleiten.

    Es waren wohl jährlich bis zu 200 Abendbesuche, zu denen ich bis zu meiner Pensionierung 2008 von Haus- und Gesprächskreisen in allen Dekanaten eingeladen wurde. Dazu kamen bis zu 20 Wochenendseminare im Stift Urach. Dabei hat sich mir mehr und mehr bestätigt, was ich schon zuvor in den elf Jahren als Gemeindepfarrer in Tübingen entdeckt hatte. Im Folgenden möchte ich meine Entdeckungen thesenhaft skizzieren:

    II.

     

    Was ist eigentlich ein Hauskreis? Ich formuliere in Nähe zu meinem früheren Kollegen Jürgen Körnlein aus der Bayrischen Landeskirche:

    "Die Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmen, was in einem Hauskreis geschieht. Wie soll man bei solch einer Vielfalt beschreiben, was das Besondere von 'Hauskreis' ist?

    -       Die einen wollen sich in erster Linie über Fragen des Glaubens austauschen.

    -       Andere wollen vor allem gemeinsam in der Bibel lesen.

    -       Wieder andere wollen diskutieren, wie sie als Christen mit den gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen können oder sollen.

    -       Manche wollen eine christliche Lebensgemeinschaft im Hauskreis finden.

    -       Manche wollen wie in einem Studium tief in die Hintergründe der biblischen Lebensweise eindringen.

    -       Und nicht wenige suchen im Hauskreis Menschen, die ihnen in schwierigen Lebenssituationen beistehen.

    -       Und manch einer findet es auch reizvoll und bereichernd, über den ‚Rand der eigenen Glaubensgemeinde‘ hinaus zu schauen, und schließt sich der religiösen Vielfalt einer Ökumenischen Gruppe an – sozusagen als Brückenbauer hinüber zu anderen Glaubensformen.

     

    Fazit: Vom Programm her kann man nicht sagen, was einen Kreis zum Hauskreis macht.

    -       Ist es dann das private Zuhause, was einen Kreis als Hauskreis ausweist? Nein, auch das nicht!

    -       Denn nicht einmal alle Hauskreise treffen sich in Privathäusern:

    -       Manche haben als Hauskreis begonnen, dann wurde das Wohnzimmer zu eng und man zog ins Gemeindehaus um.

    -       Weil man sich aber nach wie vor ohne Pfarrer trifft (und in einer gewissen Verbindlichkeit voreinander), versteht man sich als Hauskreis.

    Nur eins kann man wohl allen Hauskreisen gemeinsam bescheinigen: ihre gemeinsame Suche nach so etwas wie einer Intensivierung ihres Christseins!

     

    „Jeder Hauskreis ist anders.“ Nach 30 Jahren Erfahrungen mit Hauskreisen – an ganz unterschiedlichen Orten und unter ganz verschiedenen Bedingungen – kann ich immer wieder über Besonderheiten ihrer jeweiligen Entwicklung staunen!

    -       Von daher habe ich mich immer wieder über zahlreiche Gemeinden gewundert, die Hauskreise als etwas Überflüssiges – für die Lebendigkeit der Gemeinde nicht Notwendiges – etwas nur für die Menschen, die ihre besondere Frömmigkeit elitär pflegen wollen – erachten.

    -       Ich meinerseits habe in den Hauskreisen immer wieder sehr viele „Kostbarkeiten“ entdeckt, die einer Kirchengemeinde nicht verloren gehen sollten.

    Wenn man im Hauskreis – es kann auch ein Bastelkreis, Literatur-Lesekreis oder zum Beispiel ein Jugendkreis sein – regelmäßig einen ganzen Abend lang beieinander ist, dann bringen alle Teilnehmer ihre eigene Erlebniswelt mit in die Begegnung mit biblischen Texten und mit den Lebenswelten aller Teilnehmer.

    -       Pulsierende Lebendigkeit aus dem Alltag der Hauskreis-Teilnehmer treffen in solchen Gemeindegruppen auf die Wirkkräfte aus Jesu Reich göttlicher Möglichkeiten.

    -       Es müsste in einem Hauskreis schon emotional sehr unterkühlt zu gehen, wenn die Verheißungen des Glaubens sich nicht je und je neu in Kontakt bringen ließen mit den alltäglichen Erfahrungen.

     

    III.

    Die „Einander-Worte“ in der Bibel

    Vor wenigen Wochen hielt unser Pfarrer in der Nachbargemeinde eine recht erhellende Predigt – er legte anhand einer Stelle aus dem ersten Johannes-Brief aus, worauf es für uns Christen ankommt, wenn es heißt, „Einander zu lieben, wie Gott uns schon längst liebt!“ Beim gemächlichen Herausgehen aus dem Gottesdienst kam mir in Erinnerung, worauf mich einst ein treuer Weggefährte, Professor Heiko Hörnicke, immer wieder aufmerksam gemacht hat:

    -       „Im Neuen Testament findet man wohl mehr als 30 „Einander–Weisungen“ hinein in die Gründungszeit der ersten Christenheit:

    Hier nur 3 Beispiele:

        1) Rm 15,7:

             NEHMT EINANDER AN  (Gemeinschaft)  WIE CHRISTUS EUCH ANGENOMMEN HAT  (Lehre)

             ZU GOTTES LOB       (Quelle/Lobpreis)

        2)Eph 5,18-21

    ERMUNTERT EINANDER MIT PSALMEN UND LOBGESÄNGEN UND GEISTLICHEN LIEDERN – SINGT UND SPIELT DEM HERRN IN EUREM HERZEN UND SAGT GOTT DANK ALLEZEIT FÜR ALLES – IM NAMEN UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS  (Lobpreis)

    ORDNET EUCH EINANDER UNTER  (Gemeinschaft)  IN DER EHRFURCHT VOR CHRISTUS  (Lehre)

        3)Kol 3,12f:

    ZIEHT NUN AN ALS DIE AUSERWÄHLTEN GOTTES – ALS DIE HEILIGEN UND GELIEBTEN: (Lobpreis/Quelle)  HERZLICHES ERBARMEN  FREUNDLICHKEIT  DEMUT  SANFTMUT

    GEDULD  UND TRAGE EINER DEN ANDEREN UND VERGEBT EINANDER  WENN JEMAND   KLAGE HAT GEGEN DEN ANDEREN (Gemeinsch.)  WIE DER HERR EUCH VERGEBEN HAT  (Lehre)

     

    Und ich vergesse nie, was Heiko Hörnicke dann – sozusagen als Resümee – folgerte:

    -        „Alle diese Texte – wen haben sie vor Augen mit ihren Weisungen?

    -       Unsere heutigen Gemeinden mit bis zu 2500 Mitchristen und mehr?

    Wenn das der Fall wäre, dann könnten wir doch ehrlicherweise nur verschämt denken: Das schaffe ich nie, so wie ich gebaut bin – das überfordert uns total. Da hat Jesus die Messlatte für unser Christsein einfach zu hoch gehängt!

    -       „Wie bitte? Alle lieben, wie Christus uns geliebt hat? Da komme ich ja schon bei manchem aus unserem Hauskreis schnell an meine Grenzen!“

    -       „Was? Einer den anderen ertragen? Wo ich die störenden Kinder in unseren Familien-Gottesdiensten oft schon nicht auf Dauer ertragen kann!“

    -       „Ordnet einander unter in Ehrfurcht vor Christus? Also, da fallen mir sofort mehrere Personen in der Gemeinde ein, denen ich mich nicht bereitwillig unterordnen möchte!“

    Es stellt sich mir immer wieder die Frage:

    -       Entweder malt unsere Bibel da ein Idealbild von „Gemeinde“ an den Himmel.

    -       Oder den biblischen Autoren standen nicht heutige Gemeindegrößen von 500 Mitgliedern bis über 2000 vor Augen –

    -       sondern christliche Kleingruppen in heutiger Hauskreisgröße, wie sie sich als Jesus Anhänger bald nach dem ersten Ostern rund um das bewohnte Mittelmeer herum ausbreiteten!

     

    Durch 2000 Jahre Kirchengeschichte hindurch nehmen die Hauskreise das Einander-Angebot Gottes auf ihre Art und Weise wahr:

    Frage: Warum predigen das die Pfarrer nicht – haben sie diese Perspektive auf die christlichen Gemeindegruppen typischerweise nicht im Blick?

     

    Übrigens: Nach dem Gottesdienst bei der Verabschiedung an der Kirchentür bedankte ich mich bei meinem Kollegen für seine erhellenden Impulse und fügte dann hinzu:

    -       „Während Ihrer Predigt ist mir aufgegangen, dass unser Hauskreise eigentlich permanent diesen Predigttext ganz praktisch auslegen: Liebe zu üben gegen jedermann in der Runde, auch wenn es einem dabei so mancher nicht immer ganz leicht macht.“ Da ist dann bei einem Hauskreis Abend eine Austauschrunde dran: „Wie lebt sich das, was die Bibel und unsere Pfarrer so leichthin theoretisch verkünden?

    -        „Wissen Sie, in den vielen Jahren als Hauskreispfarrer habe ich immer wieder festgestellt, dass das Hauskreis-Christsein die wohl intensivste und sehr praxisnahe Art des Christseins sein kann.“

    Die spontane Reaktion:

    -       „So, ja, Sie haben wohl Recht! Eigentlich schade, dass einem Pfarrer die Pflege der Hauskreise vor Ort so leicht aus dem Blickfeld an den Rand geraten kann!“

     

    IV. Ein (fast) ganz normales Hauskreistreffen: „Der Hauskreis ist wie ein Puzzle!“

    Im Weitergehen habe ich mir so meine Gedanken gemacht – bin dann hängen geblieben an frühesten Erfahrungen mit Hauskreisen während meiner Zeit als Vikar in einem kleinen Vorort Tübingens: Drei Generationen trafen sich regelmäßig im Jugendhaus. Manche Details sind mir in der langen Zeit entfallen. Aber ich erinnere mich noch genau an einen Themenabend: „Können wir als Christen Liebe üben gegen jedermann?“

    -       „Also mir fallen da gleich einige Personen ein, mit denen ich – mit dem besten Willen – nicht kann!“

    -       „Klar, das geht wohl jedem so in dieser Runde – aber in der Bibel steht es mehrfach als Gebot – da können wir nicht dran vorbei!“ – So etwas streng der Senior in unserem Kreis.

    -       „Mir fallen da einige Personen ein, – auch wenn ich ihnen vielleicht am liebsten aus dem Wege gehen würde – ich kann mich ja im Namen Jesu zusammenreißen und trotzdem wenigstens ‚geschwind‘ freundlich zu ihnen sein!“

    -       „Das kann doch nicht die Lösung sein für Jesu Gebot. Das wäre ja irgendwie scheinheilig und würde diejenigen bestätigen, die uns Christen sowieso die Echtheit absprechen!“

    -       „Da sieht man mal wieder: Unser Kreis kommt allzu oft in Verlegenheiten, wenn es darum geht, was sich so toll von der Kanzel herab anhört – aber wie lebt sich das dann im Alltag? Da wird es schwierig!“

    Nach einem längeren betretenen Schweigen ergreift die Kirchengemeinderätin das Wort:

    -       „Dann fangen wir doch einfach mal beim Leichtesten an! Was mich angeht, so habe ich mit der Nächstenliebe keine Schwierigkeiten, wenn es sich um Menschen handelt, mit denen ich quasi ‚die gleiche Antenne‘ habe!

    Nun wurde es sehr munter in unserer Runde: „Na, das ist ja auch keine Kunst!“ – „Das kann ja sogar einer, der kein Christ ist!“ – „Aber leider verstehen wir uns ja nicht alle so gut wie Freunde oder Geschwister!“

    -       „Also – mit meinen Geschwistern bin ich längst nicht immer ein Herz und eine Seele!“

    -       „Ja, tatsächlich, wie es das mit Menschen, die mir Schwierigkeiten machen? Hat Jesus die auch im Blick gehabt?“

    -       Der gestrenge Senior mit äußerster Überzeugung: „Natürlich, Jesus hat alle Menschen im Blick!“

    Noch einmal meldete sich die Kirchengemeinderätin:

    -       „Das klingt jetzt vielleicht ganz fromm – aber es hilft: Bei Menschen, mit denen ich Schwierigkeiten habe, überlege ich mir: Wenn Jesus Gründe hat, sie zu lieben, dann sollte ich vielleicht einmal intensiver auch nach solchen Gründen suchen! Vielleicht habe ich sehr bisher nur übersehen!“

    Der Jüngste in unserer Runde – Mitglied einer Glaubensgruppe in der Schule – staunte: „Das ist ja ein schlauer Tipp – und hilfreich noch dazu!“ Erstens: sich freuen an allen, mit denen wir spontan die ähnliche Wellenlänge haben! – Und zweitens: bei den schwierigeren Fällen die Nähe zu Jesus suchen und nach Gründen, warum er sie liebt und wir nicht!“

    Ein junger Mann – immer zum Schmunzeln aufgelegt: „Jetzt möchte ich aber mal die Probe aufs Exempel machen! Frage: Und wie ist das mit den Feinden, die wir nach Jesus ja auch lieben sollen?

    Niemand wusste spontan eine Antwort – alle schauten auf mich – immerhin den Geistlichen vor Ort. Aber ich hielt mich in Hauskreisen immer sehr zurück. Ich wollte der Dynamik eines Glaubensgesprächs nicht durch eine Art Auflösung den Wind aus den Segeln nehmen – und damit womöglich der Dynamik des Heiligen Geistes. Schließlich meinte unser Senior, die Situation nun retten zu müssen:

    -       „Also: In der Bibel steht es doch ganz klar und eindeutig: Liebet sogar Eure Feinde. Habe ich einen argen Feind ausgemacht, dann sind meine Gebete um mehr Liebe für ihn umso intensiver!“

    -       „Und? – Hilft das dann? – Hilft Gott dann immer?“

    -       „Nun, ich will ehrlich sein: Bei mir hat sich Gott schon oft sehr, sehr zurückgehalten! So ist Gott halt – mir ist dann, als ob Gott auch so einen Dickkopf hat wie ich! Aber manchmal ist es mir, als ob Gott in eine ganz andere Richtung wirkt als ich dachte…“

    -       „Da werden wir nun aber neugierig, mein Herr!“

    -       „Ja, wenn ich dann mit meinem christlichen Latein am Ende bin, dann entdecke ich manchmal wiederholte Zeichen – Hinweise, als wenn Gott sagen würde: Lass‘ man – übernimm dich nicht! Überlass mir deinen Feind – so weit, dass sich deine Feindschaft nicht mehr andauernd umtreibt. Gib deinen Feind an mich ab – aber tu das im anhaltenden Segnen!“

    Nun kommt wieder unser Jüngster mit einer vorwitzigen Bemerkung: „Oh, das kenne ich! Wie sagt man dann innerlich: ‚Geh mit Gott – aber geh‘ gefälligst.‘ Dazu habe ich noch nie den Glauben gebraucht!“

    -       „Verstehe ich das richtig? Du segnest ihn – und bist damit das Problem los?“

    -       „In gewisser Weise ja: Das Problem mit der Feindschaft löst sich dann erst ganz langsam auf, wenn ich weiß, dass nicht ich ihn besser machen muss, sondern Gott!“

    -       „Jetzt weiß ich, worauf du hinaus willst: Du löst dich zwar aus der Feindschaft, aber – wenn du ihn immer wieder segnest – wirst du dich nicht von seiner Person und seinen Lebensumständen lösen! – Die Person bleibt dir.“

    -       „Ja, tatsächlich, die Person bleibt mir im Blick – aber das wird nun eher der entspannte Blick aus der Fürsorge Gottes! Und das ist auch nicht schlecht – glaubt mir!“

    Übrigens: Diesmal musste ich keine Schlussbemerkung machen, das übernahm unser Jüngster:

    -       „Ist euch das auch schon aufgefallen? Wenn‘s gut läuft bei uns im Kreis, dann erinnert er mich irgendwie immer an ein Puzzle: Da haben wir ein Problem mit vielen leeren Stellen. Und fast jeder fühlt sich dann herausgefordert zu einer mehr oder weniger hilfreichen Bemerkung, die passen könnte. Dann geht vielleicht nicht alles auf in diesem Puzzle – aber irgendwann ahnen wir, dass da ein Ganzes entstehen will. Das ist dann nicht der ganzen Glaube – aber es hilft uns wieder, fester zu glauben!“

    -       „Aus dem Jungen kann noch was werden!“ – So die Anerkennung unseres Hauskreis–Seniors.

     

    V.

    -       Gemeindekreise tragen so etwas wie ein besonderes Geheimnis in sich, das in dieser Weise sonst in der Gemeinde nicht in vergleichbarer Intensität zur Wirkung kommt!

    -       Hauskreise verantworten und verwalten und durchleben auf ihre besondere Art und Weise die Schätze des Glaubens

    -       und gehören von daher zu den besonderen Schätzen der Christenheit und ihrer Gemeinden.

    Wenn Hauskreise durch ihre private Wohnzimmer-Erscheinung den Eindruck erwecken, nur Randerscheinungen des Glaubens zu sein – es gilt, Hauskreise als besondere Schätze einer Kirchengemeinde und ihrer Lebendigkeit aus ihrem Schattendasein heraus zu holen!

    Die Frage gilt für mich bis auf den heutigen Tag:

    -       Was ist das besonders Kostbare in der Gestaltung der Hauskreise und kleinen Gemeindegruppen?

    -       Welchen Schatz des Glaubens leben sie auf ihre Art in besonders intensiver Weise?

    -       Welcher Wert der Kleingruppen sollte von der Kirche und ihren Verantwortungsträgern – gerade in einer Zeit schwindender Mitgliederzahlen – neu entdeckt, geschätzt und gefördert werden?

    Nun können wir mal gespannt sein:

    -       Werden die örtlichen Hauskreise in Zukunft bisweilen an der Gestaltung eines Gottesdienstes mit beteiligt? Durch das Anstimmen ihres derzeitigen Lieblingsliedes? Oder in der Weise, dass sie vielleicht im Rahmen der Abkündigung kurz erzählen, was sie thematisch gerade im Hauskreis bewegt? Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, einmal zu kleinen Murmelgruppen einzuladen und dazu den Predigttext zu unterbrechen? Ich habe in den Jahren viele Formen erlebt, wie man kirchengemeindlich den christlichen Kleingruppen größere Chancen einräumen kann.

    -       Und warum werden in den meisten Gemeindebriefen die örtlichen Hauskreise gar nicht erwähnt – ihre thematischen Schwerpunkte – ihre Alterszusammensetzung – ob man sich morgens, nachmittags oder abends trifft usw.?

    Ein (fast) ganz normales Hauskreistreffen: „Ein ungewöhnlicher Geburtstag!“

    Bei meinem abendlichen Besuch staunte ich nicht schlecht:

    -       Der Tisch in der Hauskreisrunde war festlich gedeckt. Kerzen werden angezündet – zwei Bibelkärtchen lagen darunter – sogar eine Torte lud uns ein zum Zugreifen.

    -       Meine schmunzelige Reaktion: „Ich komme ja schon zum zweiten Mal zu ihnen, da hätten sie gar nicht so viel Aufhebens machen müssen!“

    -       Daraufhin die Gastgeberin:

    -        „Um es ehrlich zu sagen – unsere Festtafel ist nicht ihretwegen gedeckt – wir feiern heute in unserer Mitte nämlich Geburtstag!“

    -       Und ein junger Mann, der mir schon bei meinem letzten Besuch irgendwie aufgefallen war, weil er sich ziemlich gehbehindert bewegte, schmunzelte, als er sagte: „Ich feiere heute meinen dritten Geburtstag – ob Sie es glauben oder nicht!“

    Ich druckste einen Augenblick etwas irritiert herum:

    -        „Ist das eine Sache des Glaubens? Wenn ich Sie so anschaue, dann schätze ich Sie so auf mindestens 25 Jahre – oder?“ –

    -       „Ja da mögen Sie Recht haben. Und dennoch: Mein heutiger Geburtstag hat etwas mit meinem Glauben zu tun!“

    „Da machen Sie mich aber neugierig!“

    -       „Nun – heute vor drei Jahren hatte ich einen schweren Arbeitsunfall in unserem Maschinenwerk. Mein Leben stand auf Messers Schneide! Notarztwagen – und in der Klinik musste mein Bein amputiert werden – ich bekam eine Prothese angepasst! Was soll ich sagen? Ich bin mit dem Leben noch einmal davon gekommen – Gott sei Dank!“

    Er klopfte zur Bestätigung auf seinem rechten Unterschenkel – der klang auffallend hohl

    -       „Hier im Hauskreis haben sie lange um mich gebangt – man hat gebetet und schließlich haben wir es in der Runde gefeiert: „Behinderung hin oder her – es war mir, als hätte ich ein zweites Leben geschenkt bekommen!

    Bei unserer Feier ist uns dann über Kaffee und Kuchen aufgegangen: Fast jedem der Teilnehmer fiel aus seinem Leben annähernd Vergleichbares ein. Jeder brachte ein Beispiel aus dem Reich seiner Erfahrungen ein in die Runde:

    -       Nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs endlich Frieden! Die jüngeren Generationen können sich das kaum vorstellen, dass wir uns 1945 wie in einem neuen Leben vorkamen.“

    -       „Nach langer Zeit meiner schweren Krankheit endlich Genesung! So frei hatte ich vorher wohl noch nie durchgeatmet!“

    -       „Ihr alle wisst, woran ich mich jetzt erinnere. Ihr wart ja gemeinsam mein Beichtvater. Vor Euch habe ich erzählt, was ich vorher noch nicht einmal meinem Mann gesagt habe. Aber als wir gemeinsam beim Apostel Paulus lasen: „Wenn man von Herzen glaubt, wird man vor Gott gerecht dastehen – wenn man mit dem Mund offen bekennt, wird einem Rettung zuteil.“ (Rm10) Ihr habt es ja selbst miterlebt, wie gerettet ich mich seither fühle – immer und immer wieder kann ich die Erleichterung von damals spüren!“

    -       „Nach vielen vergeblichen Bewerbungen endlich eine Zusage! Es war wie eine neue Chance zum Leben!“

    -       „Nach vielem vergeblichen Werben um meine Frau erhörte sie mich doch noch! Was soll ich sagen: vorher fühlte ich mich nur als ein verlorenes  I c h  – seitdem hat bei mir im Leben das  W i r  Vorfahrt!“

    -       „Nach jahrelangem Zwist in unserer Familie - ihr hier im Kreis habt das tapfer mitgetragen – konnten sich die beiden doch noch die Hand reichen! Was war das für eine Erlösung – Gott sei Dank! Alle fühlten sich wie neu geboren!“

    Der junge Mann mit seiner Beinbehinderung schaltete sich noch einmal ein:

    -       „Übrigens – und das werde ich nie vergessen: „Die biblische Losung am Tag meines Unfalls kam mir zunächst wie eine ungeheure Provokation vor: ‚Das ist der Herr, auf den wir hofften! Lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil, dass er uns besucht hat!‘ Seitdem bin ich mir sicher: Gott kommt uns viel häufiger besuchen als wir denken.“

    Der Gastgeber wandte sich noch einmal an mich:

    -       „Wissen Sie, was wir am meisten jedes Jahr feiern? Nicht nur die Erlösungserfahrungen alleine – wir feiern, dass da nicht einfach nur glückliche Zufälle weilten, sondern dass wir dahinter Gottes Wirken erahnen konnten!“

     

    Kap. 2      xxII. Wie vollzieht sich das Glauben in Jesu Verständnis?

    I.

    Das „Miteinandersein“ ist das geheime Ziel Gottes im ganzen Entwicklungsprozess seit der Schöpfung!“                                                     (Nach Wells)

    Daran ist nichts in romantischer Weise zu verharmlosen und zu verklären, denn jedes Miteinander ist – wie der Atem – eingebunden in ein „Geben“ und ein „Nehmen“. Ohne dran zu bleiben, nach der jeweiligen Zielabsicht Gottes zu fragen, zu suchen und ihr zu entsprechen, gerät alle Schöpfung in ein pures „Hauen und Stechen“.

    Christliche Gemeindegruppen sind beieinander, um in intensivem, persönlichem Miteinander sich je und je neu auf die Suche nach der göttlichen Zielabsicht zu machen und sie nicht aus dem Blick zu verlieren.

    Wir Menschen investieren viel Mühe und Fantasie in unser Leben, um uns etwas aufzubauen und zu sichern – etwas für uns und andere zu schaffen.

    -       Wir Menschen sind zugleich aber äußerst zerbrechliche Wesen. Es braucht nicht viel, um uns aus der Bahn zu werfen.

    -       Es reicht ein Besuch beim Arzt, eine erschreckende Diagnose, um uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. – Ein Beziehungsende reicht, um am Sinn unserer Existenz zu zweifeln. – Und es schmerzt uns unglaublich, wenn Projekte, die mit viel Elan angepackt wurden, plötzlich scheitern – wenn Vorstellungen und Ziele, die wir uns vom Leben gemacht haben, plötzlich oder allmählich zerbröseln.

    -       Auf solche Weise aus der Bahn geworfen, stellt sich die Frage: „Woran kann ich noch glauben? – Was wird mir in meiner neuen Lebensbedingungen verlässlichen Halt geben?“

    Was ist das eigentlich – der Glaube? Und wie sieht der Glaubensvollzug zwischen „Geben“ und „Nehmen“ aus in Nähe zu Jesus?

    Zur anfänglichen Klärung einige Thesen (nach Prof. Gerd Theisen, Bonn

    -       Der Glaube vertraut nicht auf die Welt, wie sie ist, sondern wie sie im Blick Gottes Gestalt gewinnen wird.

    -       Die Welt bleibt nicht länger, wie sie ist – mitten in ihr beginnt eine neue Welt nach den Möglichkeiten Gottes.

    -       Durch das Glauben haben alle Menschen Kontaktmöglichkeit mit Gott – unabhängig von Herkunft, gesellschaftlicher Schicht, religiöser Sozialisation, Persönlichkeitsmerkmalen, persönlichen Lebensbelastungen usw.

    -       Wir Menschen dürfen den ersten Schritt in sie tun!

    -       Das gibt uns einen unendlichen Wert als Partisanen der Befreiten in einer unfreien Welt.

     

    II.

    -       In der Kirche muss man nicht lange nach dem Glauben suchen – er wird uns in Predigten präsentiert.

    -       Aber beim gottesdienstlichen Miteinander spürt man nicht die Nähe des Anderen – man ist dort von daher nicht in einem Beieinander!

    -       In christlichen Kleingruppen dagegen ist das Miteinander zwischenmenschlich. So geht man – beieinander seiend – auf die Suche nach der Umsetzung des Glaubens in die persönliche Lebens– und Glaubenssituation.

     

    Viele meinen, das Glauben habe etwas zu tun mit felsenfester, unumstößlicher Überzeugung.

    -       Dabei mag man Martin Luthers Haltung 1521 vor dem Reichstag in Worms vor Augen haben. Gegen alle Mächtigen – Papst – Klerus – Kaiser – Kurfürsten usw., denen er nicht vertraut, setzt er ganz auf die gefundenen Wahrheiten aus der Bibel. Diese Haltung zeigt Mut und Tapferkeit als eine Seite des Glaubens.

    -       In der Person Luthers finden wir auch die andere Seite: In Zeiten der Anfechtung, ob er denn noch wirklich auf Seiten Gottes steht, benötigt er immer wieder in seinem labilen Zustand Versicherungen – sei es sein Ausspruch: „Ich bin doch getauft!“ – Sei es, dass er mit dem Tintenfass nach dem vermeintlichen Schatten des teuflischen Versuchers wirft.

    Das Glauben vollzieht sich aber immer im Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Misstrauen. Ist der Anteil des Gebens – also der Verlustanteil – in einer Entwicklung und größer als das Nehmen, dann kommt es zu einer Sinnauflösung. Die bisherige Balance trägt nicht mehr.

    In unsere DNA ist offensichtlich beides hineingelegt worden:

    -       Misstrauen und Angst zu unserer Sicherheit, dass wir Unbekanntem skeptisch gegenüber stehen.

    -       Zugleich die Sehnsucht nach Vertrauen – letztlich die Sehnsucht nach einem Gegenüber, dem wir mehr Vertrauen entgegenbringen dürfen als unser Misstrauen uns signalisiert.

    Dementsprechend ist unser Glauben immer in einem mehr oder weniger labilen Zustand - mit einer gewissen Bereitschaft, sich je und je neu infrage gestellt zu sehen:

    -        „Besitzt meine Glaubensposition genügend Kraft zum Durchhalten von Widerständen?“

    -       „Hat meine Glaubensposition genügend Mut, sich auch infrage stellen zu lassen, ohne dann gleich den ganzen Glauben aufzugeben?“

     

    III.

    Wenn ich in Gesprächen mit Hauskreisen an diesem Punkt war, habe ich diesen fragilen Zustand des Glaubens bisweilen mit einer Frage an die Gruppe verbunden:

    Gehören Sie mehr zu den Hoffnungsmenschen – oder sind Sie eher ein Glaubensmensch?

    Auf Nachfrage habe ich dann erklärend dazugesetzt:

    -       „Hoffnung ist die Fähigkeit, die Melodie der Zukunft Gottes zu vernehmen!“

    -       „Glaube ist der Mut, schon in der Gegenwart danach zu tanzen!“

    HOFFEN – da richtet man sich aus auf die Zukunft: Man hofft, dass eine Krankheit gut ausgeht – hofft, dass man einen Menschen findet, der einen in seiner Einsamkeit versteht – hofft, dass kluge Ingenieure Dinge erfinden, um den Klimawandel technisch zu bewältigen.

    -       Es braucht Menschen, die nach der Melodie der Zukunft schon jetzt es wagen zu tanzen – d.h. in die Praxis umzusetzen, wofür es jetzt von Gott her an der Zeit ist.

    -       Aber man braucht nicht nur Hoffnungsmenschen – sie machen einem das Leben „leichter“ – verlieren sich leicht in den Wolken der eigenen Wünsche.

    -       Wenn ich nur träume von der besseren Zukunft – und dabei stehen bleibe, dann wird das Leben in Zukunft vielleicht auch zeitweise etwas erträglicher, weil schöner eingefärbt – aber nicht wahrer – nicht verlässlich besser!

    Glaube verharrt nicht einfach im Warten auf die Zukunft Gottes –

    -       Er tritt sie tapfer schon jetzt an als Verbündete im Miteinander z. B. einer Hauskreisfreundschaft!

    Im Vorgang des Glaubens vertrauen wir nicht darauf, dass alles von selber gut wird, sondern dass auch wir im Zusammenwirken mit Gott und im zwischenmenschlichen Miteinander Gutes tun können – oft gegen anfänglichen Widerstand in uns selber und in der Außenwelt.

     

    IV.

    In einem Bonmot aus dem Ende des 19. Jahrhunderts hieß es etwas resignierend über den Zustand der damaligen Kirche: „Jesus brachte uns einst das Reich Gottes – was dann kam, das war halt die Kirche!

    Es steht einer evangelischen Groß-Kirche von daher gut an, sich immer wieder auf ihre Wurzeln zu besinnen:

    -       Jesus brachte uns das Reich der Möglichkeiten Gottes ganz wirkungsnahe – und was kam dann?

    -       Zunächst bildete sich für längere Zeit das werdende Christentum in Form von kleinen Gruppen und Hausgemeinschaften mitten in der Gesellschaft – dazu am Rande der jeweiligen Gesellschaft vermehrt kleinere Mönchsgruppen!

    -       Damit vollzog sich das Wachstum der ersten Christenheit nicht nach dem Vorbild im Judentum, wo sich um Tempel und Synagogen herum möglichst große Glaubensgemeinschaften bildeten.

    Die Gestaltung der ersten Christenversammlungen orientiert sich an der Art und Weise, wie Jesus selbst seinen Glauben im Kreis von ca. zwölf Jüngern und Frauen gelebt hat. Lukas und Paulus haben uns ein prototypisches Bild von den ersten christlichen Hausgemeinschaften überliefert.

    Die allabendlichen Zusammenkünfte gestalteten sich in der Regel – so hat es der Evangelist Lukas uns prototypisch vor Augen geführt – aus vier Teilen:

    1)     Das gemeinschaftliche Miteinander ließ die ganz persönliche zwischenmenschliche Vielfalt der christlichen Hausgemeinde zur Geltung kommen und für einander transparent werden.

    2)    In einer weiteren Phase konnten Gottes Macht und Herrlichkeit durch Lieder und Gebete persönlich spürbar werden – wenn möglich im Zusammenklang mit jüdischen Glaubensgenossen und deren Brauch, die Psalmen in Liedern spürbar werden zu lassen.

    3)    Eine dritte Phase bestand dann darin, dass man sich miteinander auf die heiligen Schriften des später so genannten „Alten Testaments“ und die herumgereichten ersten mündlichen und schriftlichen Zeugnisse aus dem Leben Jesu und aus der rasant entstehenden ersten Christenheit besann und sich dadurch – einer den anderen – seines Glaubens vergewisserte.

    4)    Die Feier des Abendmahls schloss sich an. Das war je und je neu eine Einübung in die besondere Art des Glaubens:

    a.       Man sieht ein Stück Brot und deutet es als anwesenden und wirksamen Leib der vollen Lebendigkeit Jesu!

    b.     Man trinkt einen Schluck Wein und lässt sich mit der natürlichen Wirkung zugleich durchfluten vom Herzblut der Liebe Jesu.

    Und das hat der christlichen Botschaft so viele Vitalkräfte verliehen, dass sie – wie Sauerteig – das ganze römische Weltreich durchwirkte.

    -       Diese Gestaltung des ersten Christseins erwies sich als so kraftvoll, gesellschaftlich attraktiv und überzeugend, dass sich bald um das ganze Mittelmeer herum christliche Gemeindegruppen in sehr kraftvoller Weise ausbreiteten – inmitten der Ortschaften und als Mönchsgruppen an deren Rand.

    -       Erst ganz allmählich entstand daneben – nach jüdischem Vorbild – um erste, kleine Kirchengebäude herum die Gestalt möglichst großer Gemeinden – nun zunehmend geleitet durch ortsfeste Kirchenbedienstete.

    Jesus hat auf diese Weise für uns aufgedeckt,

    -       was er selber in seinem Glaubens–Leben und Glaubens–Sterben mit göttlicher Vitalität und Ansteckungskraft vorgelebt hat

    -       und was das Glauben wirklich bedeutet: eine je und je neue Einladung in das Reich der Möglichkeiten Gottes – mitten unter uns!

    -       Gott wohnt und handelt im Raum seiner Möglichkeiten mitten in unseren oft ganz weltlichen Lebenszusammenhängen!

    Jesu oft wunderbares – auf jeden Fall heilsames – Handeln - bisweilen bis ins Körperliche hinein - möchte uns davor bewahren, in unseren Erwartungen den Raum göttlicher Möglichkeiten nicht zu klein anzusetzen!

    Fazit:

    Hauskreise und andere Gemeindegruppen tragen also durch 2000 Jahre Kirchengeschichte einen besonderen Segen des anfänglichen Christentums – wie ihn Jesus selbst ganz persönlich mit seinem „Zwölf-Jünger-Hauskreis im Unterwegs“ gelebt und dann für die Gestaltung der beginnenden christlichen Bewegung in Gang gesetzt hat.

     

    IV.

    Wir Menschen sind mit einer wunderbar göttlichen Vorstellungskraft ausgestattet:

    Wir können in unserem Inneren schon einen Kirschbaum in Blüte wahrnehmen, auch wenn unsere fünf Sinne auf der Oberfläche unseres Lebens nur erst einen unscheinbaren Kirschkern erkennen können.

    Wir können in unserem Inneren schon – in Nähe zu Jesus – sein Reich der Möglichkeiten Gottes wahrnehmen, auch wenn unsere fünf Sinne auf der Oberfläche unseres Lebens nur die sog. „Realität ohne Gott“ erkennen können.

    Was ist das für ein Schatz – für ein Reichtum aus „Jesu Reich der Möglichkeiten Gottes – mitten unter uns zum Greifen nah“!?

    Jesus lädt damit ein in eine hoch spannende Lebensbewegung, die einem Nicht-Glaubenden verschlossen bleibt:

    „Wer den Sprung aus dem üblichen innerweltlichen Erwartungshorizont hinein in den göttlichen Wirklichkeitsraum Jesu wagt, sieht sein ganzes Leben hinein verwandelt in ein gespanntes Ausschauhalten: „W a s,   w e n n   G o t t   j e t z t   in meine Befindlichkeit hineinwirkt?“ (Nach Professor Gerd Theisen)

     

    V.

    Aber machen wir uns nichts vor:

    -       Etwas für wahr nehmen, was andere nicht erkennen und daher evtl. sogar für falsch halten – das durchzuhalten ist nicht immer einfach und danach sein Leben auszurichten erregt bei anderen oft Kopfschütteln, Anstoß oder gar Verachtung.

    -       Tief in uns Menschen aber herrscht ein innerer Widerwille gegen alles, was uns ausgrenzt – was uns allein werden lässt.

    -        Vielmehr sind wir in unserem Grund geschaffen zum Miteinander, auch wenn dies sich bisweilen als ziemlich kompliziert, ja nervig erweisen kann.

    -       Gegen alles gesellschaftliche Kopfschütteln und Ausgegrenzt-Sein ist das heilsamste Mittel, eine Art Zuhause zu finden in einer Gruppe, in der man Anerkennung findet für das, was man ist – was man denkt – wozu man im Vollzug des Glaubens unterwegs ist.

    Vergleichbar hat Jesus seine Anhänger eingeladen, es ähnlich zu tun wie er selbst: nämlich im Kreis seiner Jünger und im gegenseitigen Austausch seinen Glauben zu leben und durchzuhalten.

     

    Glauben – wenn man sich an Jesus orientiert – liegt nie im allgemeinen Mainstream des üblichen gesellschaftlichen Bewusstseins:

    Jesus spricht:“ Ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat und vollendete sein Werk. Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monate – dann kommt die Ernte? – Seht doch genau hin: Hebt eure Augen auf und seht auf die Felder: Sie sind schon reif zur Ernte.“ (Johannes 4,34-35)

    Was? Felder reif zur Ernte? Das klingt merkwürdig nicht nur Anfang März, wenn höchstens die Krokusse blühen und sonst noch alles kahl ist.

    Ähnlich mag es dem gehen, der sich umsieht und die Ernte des Evangeliums, der guten Botschaft Gottes an uns Menschen sucht. Da scheint doch alles kahl und dürr zu sein – egal, ob wir in unsere nähere Umgebung schauen oder in die große Weltgeschichte und Politik. Wo vollendet sich denn jetzt Gottes Werk, von dem Jesus spricht?

    Dass Menschen hier ihre Zweifel haben und etwas ratlos sind – das war zu Jesu Zeit auch nicht anders. Und doch beharrt Jesus darauf: „Seht doch genauer hin! Dann nehmt ihr die Felder wahr, die reif sind zu ernten.“

    Das gilt noch immer.

    Fazit: Mit dem Blick Jesu ist schon etwas vom Reich Gottes zu sehen – so einladend und vielfältig wie die Gleichnisse Jesu und so lustvoll ansteckend, diese Einladung mit dem eigenen Leben in fruchtbaren Zusammenklang zu bringen!

    -       Kleinigkeiten sind es vielleicht nur, die man leicht übersehen kann als Wirkung  G o t t e s – all das aber können wir dankbar als Vorgeschmack auf Gottes Reich erkennen.

    -       Für den Blick des Glaubens gibt es viel zu entdecken, was andere als ganz selbstverständlich ansehen.

    -       Diese Botschaft nicht nur gottesdienstlich aufhorchend zu vernehmen, sondern in seiner Alltäglichkeit je und je neu durch zu buchstabieren – dazu bedarf es verlässliche, vertraute Begleitung im Alltag, wie es eine christlichen Gemeindegruppe anbietet.

    -       Dafür ist eine christliche Gemeindegruppe wie der Hauskreis ein geradezu von Gott geschichtlich geschenktes Angebot der Beheimatung.

    Dazu bedarf es aber einer Schärfung unserer gewöhnlichen Blickweise. Auf der Ebene eines Hauskreises etwa ist solch eine persönliche Einübung in die Blickweise Jesu am intensivsten möglich!

    Nun können wir gespannt sein, ob sich dafür in unserer Kirche etwas ändert:

    -       Wo ist die Kirche, in der man diese Blickweise Jesu einüben kann?

    -       Wo bieten unsere Gemeinden Foren, in denen man sich über Vorzeichen von Jesu Reich göttlicher Möglichkeiten im heutigen Erfahrungsbereich austauschen kann?

    -       Wo sind Gemeinden, die von daher z.B. auf Hauskreise besonderen geistlichen Wert legen?

    -       In welchen Gemeinden darf man vollem Herzen singen – und dann auch von den persönlichen Umständen dazu berichten: „Wer meiner Kraft vertraut, wird meine Wunder sehen! Und meine Herrlichkeit wird allzeit mit ihm gehen!“

    -       „Das Normale ist  e i n e  Art Gottes, Wunder zu tun!“ - In welchem Gottesdienst gibt es bei den öffentlichen Gebeten eine Rubrik, für ganz normales Geschehen in der Gemeinde als Zeichen des göttlichen Wunderwirkens zu danken und zu beten?

     

    VI.

    Ein (fast) ganz normales Hauskreistreffen: „Du musst das halt einfach glauben – oder?“

    So lautete das Thema, unter dem ich in diesen Hauskreis eingeladen war. Ich hatte dazu in meiner kleinen Vorbereitungsmappe einen theologischen Merkzettel für mich selbst mitgebracht: „Was ist Glaube an Gott? Glaube vertraut nicht auf die Welt, wie sie ist, sondern wie sie im Blick Gottes Gestalt gewinnen wird!“ (Nach Prof. Gerd Theisen, Bonn)

    Ich stellte sofort fest: Es musste sich in dieser Gruppe offensichtlich als großes Problem herausgestellt haben, denn ohne Umschweife kann man schnell auf den Punkt:

    -       „Wissen Sie, Herr Plinke, wir vertragen uns in unserem Hauskreis außerordentlich gut!“

    -       „Ja, wir sind sehr froh, dass wir einander haben. Bei wie vielen persönlichen Problemen haben wir uns schon beistehen können.“

    Und dann wurde der wunde Punkt so schnell freigelegt – mit einem leichten Zögern – oder war da auch Peinlichkeit dabei?

    -       „Nur: Mitten in unsere Harmonie kommt es immer wieder zu einem Blitzeinschlag, wenn die Sache auf unser Reizthema „Glauben“ kommt! Dabei wollen wir doch ganz bewusst ein christlich- friedlicher Hauskreis sein – ganz nach der biblischen Anweisung: ‚Vertragt einander!‘ Und hat Jesus nicht ganz besonders die Friedensbringer selig gesprochen?“

    -       „Genau! Darum leide ich schon bis in meine Magengegend, wenn manches Glaubensgespräch uns wieder außer Kontrolle gerät“ Die Frau drückte sich heftig mit beiden Händen in den Bauch.

    Ich äußerte eine anfängliche Vermutung: „Aha, ist bei Ihnen in der Runde ein Kritiker am Werk?“

    -       „Nein, so läuft unser Konflikt nicht – eher ist es umgekehrt! Wissen Sie: In unserem Hauskreis, der ziemlich kirchenkritisch ist, findet sich immer jemand, der schließlich Zweifel anmeldet, wenn wir uns gerade innerlich zurücklehnen möchten und denken: nun noch schnell das Abschlusslied und dann wird es gemütlich beim Vesper.“

    -       „Halt! Du hast noch etwas Wichtiges vergessen. Jeder ist nämlich bei uns in einer Schlussrunde noch an der Reihe, kurz zu signalisieren, was er aus unserem Abend mitnimmt in die nächsten Tage!“

    -       „Ja, und das wäre ja o.k., wenn da nicht immer wieder jemand gerade in unsere Schlussrunde – manchmal mit einem Seufzer – einwerfen würde: ‚Ja kann man denn das eigentlich alles so einfach glauben?‘“

    -       „Genau, solch einen Augenblick meinte ich vorher mit unserer Verlegenheit! Den meisten in unserem Kreis scheint das mit dem Glauben sowieso klar zu sein. Die Ergebnisse unserer Diskussion können in der Regel von uns gut ins eigene Glaubensfeld eingebettet werden. Aber wie erklärt man das auf die Schnelle einem, der aus der Tiefe seines Herzens heraus zweifelt?“

    Mein etwas voreiliger Ratschlag: „Dazu könnten Sie doch einmal ihren Ortspfarrer in ihre Runde einladen – oder?“ Als Reaktion kam ein allgemeines Abwinken:

    -       „Wir haben schon öfter Kontakt zu ihm gesucht, aber er hat selbst etwas Schwierigkeiten mit der Leitung unserer Gemeinde und hat sich eigentlich immer herausgewunden, wenn er uns einen Ratschlag geben soll. Wir wollen ihn nicht mehr in Verlegenheit bringen.“

    -       „Also, um es kurz zu sagen: Unsere Verlegenheit lösen wir dann meistens so, dass wir dem Zweifler sagen: ‚Das musst du halt einfach glauben!‘ Nur dass dieser Ratschlag – ehrlicherweise – noch nie so richtig gewirkt hat. Herr Plinke, können Sie uns da wenigstens weiterhelfen?“

    Eine Dame aus dem Kreis, deren Gesicht mir sofort irgendwie bekannt vorkam, ergriff jetzt das Wort:

    -       „Ich war doch einmal bei einem Seminar von Ihnen in Bad Urach. Da ging es um das Thema Glaubenserfahrungen. Damals haben sie uns ein erhellendes Beispiel von sich erzählt – aus der Zeit, als sie noch Theologiestudent waren und zugleich voller Zweifel. Da gerieten Sie an einen frommen Kommilitonen, mit dem Sie immer wieder in Diskussionen gerieten, ob es Gott überhaupt gibt. Und als er dann bei Ihnen offensichtlich völlig am Ende mit seinem frommen Latein war, hat er doch auch zu Ihnen gesagt: ‚Du muss einfach glauben, dass es Gott gibt!‘ – Woran lag das, dass dieser Ratschlag bei Ihnen gewirkt hat – und bei uns nicht?“

    „Liebe Frau, wenn sein Tipp an mich so gelautet hätte, wäre die Wirkung vermutlich ebenfalls gleich Null gewesen. Sein Ratschlag lautete etwas anders – es war eher eine kurze Versuchsanleitung: Er wollte mich einladen, drei Monate lang neue Erfahrungen zu machen – wie bei einer Versuchsreihe in einem Test: ‚Jedes Mal, wenn der alte Zweifel in dir hochsteigt, dann halte einen Augenblick inne und frage dich: Was wäre jetzt anders - unter der unverbindlichen Voraussetzung, dass es Gott doch gäbe?‘“

    -       Und wieso war Ihnen das durch alle Ihre Zweifel durch möglich?

    „Ja – es blieb ja alles ein unverbindlicher Test auf Gottes Existenz: „Was wäre, wenn…!“ Ich musste mich ja nicht festlegen, sondern an meinen Erfahrungen überprüfen, ob sich was an meinem Zweifel ändert.“

    Nun schaltete sich ein Mann ins Gespräch ein, der mutmaßlich zur Gruppe der Zweifler gehörte. Er klang etwas ironisch:

    -       „Nun bin ich aber gespannt, was bei Ihrem Test herausgekommen ist. Vermutlich hat Sie Gott mit all seiner Macht überwältigt, denn Sie sind ja dann Theologe und Pfarrer geworden. Keine Überraschung also – oder?“

    „Im Gegenteil – es häuften sich die Überraschungen im Verlauf des Testes ‚Was wäre, wenn es Gott gäbe?‘ Hier angedeutet ein einträgliches Beispiel dafür:

    Als angehender Theologe ist es ja notwendig, die drei alten Sprachen der Bibel und Kirche zu lernen. Besonders am Hebräischen biss ich mir die Zähne aus: Wie sollte ich schon allein die Semitische Schrift in meinen Schädel rein bekommen? Meine Verzweiflung – mein Zweifel an mir – riet mir, alles hinzuschmeißen.

    Aber ich war ja in meiner Testphase: ‚Was wäre, wenn es jetzt einen Gott gäbe, der mich – aus was für Gründen auch immer – auf den Weg ins Pfarramt haben wollte?‘ Antwort: Dann würde er vielleicht meine Angst und Zweifel mittragen – dann müsste ich die Last der Sorge um meine Zukunft nicht mehr alleine durch tragen! Schon diese ‚Was wäre, wenn‘-Vorstellung brachte mir spürbare Erleichterung!“

    Muss ich noch ergänzen, dass ich mit Ach und Krach durch die Prüfung gekommen bin?

    An dieser Stelle lud ich den Hauskreis zu einer kurzen Befindlichkeitsrunde ein: Jeder der Teilnehmer könnte einen Satz weiter führen, der beginnt mit den Worten: „Was wäre, wenn es einen Gott gäbe, der…“

    -       Es schloss sich dann eine weite und sehr lebendige Runde an: „Wie haben Sie sich eben gefühlt, als Sie diesen Satz persönlich im Blick auf ihr eigenes Leben gesprochen haben?“

    -        Als ich bei einigen Teilnehmern ein Zögern im Gesicht ablesen konnte, setzte ich nach: „Was hat das mit ihnen gemacht – fühlten Sie sich überfordert? –

    -        Fühlten Sie sich wie bei einer Äußerung eines unerfüllbaren Wunsches? –

    -       Ist Ihre Hoffnung gewachsen oder hat sich Ihre Verzweiflung verstärkt?“

    Und abschließend fügte ich noch hinzu: „Dass wir es richtig verstehen, was mir da passiert war:

    -       Ich war mir klar geworden, dass es sich dabei nicht um Beweise der Existenz Gottes handelt. Das alles konnten auch eingebildete Erfahrungen sein – von mir und meinen geheimen Wünschen produziert!

    Aber ich hatte eine tolle Entdeckung gemacht – ich hatte den ‚Möglichkeits-Glauben‘ entdeckt:

    -       Immer wieder einmal dann, wenn ich mich auf jenes geheimnisvolle ‚was wäre, wenn..‘ einließ, geschah das Wunder einer kleinen Lebenssteigerung: Es war mir, als wenn aus dem Zusammensein Gottes mit mir die Möglichkeiten meines Lebens wachsen konnten.

    -       Und irgendwann wurde mir das so plausibel, dass Gott dahinter steht, dass ich davon nicht mehr zurück wollte in meinen früheren Zweifelzustand!

    -       Übrigens: Erst viele Jahre später habe ich bei Luise Rinser ihre Erfahrung mit dem Glauben in ähnlicher Weise entdeckt: ‚Bete – und du wirst entdecken, dass das Beten Sinn macht! – Anders als durch den Vollzug des Betens wirst du das vermutlich nie entdecken!‘ Also: Glaube – und du wirst entdecken, dass das Glauben Sinn macht! – Anders als durch den Vollzug des Glaubens wirst du das vermutlich nie entdecken!“

    Einer der Hauskreisteilnehmer, der offensichtlich gerne durch kleine Schmunzler so manch ernstes Hauskreisgespräch aufzulockern versuchte, fand nun Gelegenheit zu der Bemerkung:

    -       „Das klingt ja fast wie bei einem verliebten Paar: Wenn man sie früher als Single traf und fragte: ‚Wie geht‘s?‘ Dann lautete die Antwort besten Fall: ‚M i r  geht‘s gut!‘ Und fragt man jetzt: ‚Wie geht‘s dir heute?‘ Dann heißt es prompt: ‚„Oh,  u n s  geht es gut!‘

    -       „Verzeiht mir, wenn ich es als Studierter noch einmal etwas abstrakt ausdrücke: Aus zwei individuellen Ich-Gefühlen wird ein ganz neues, durch gegenseitige Liebe gesteigertes Wir-Gefühl der Liebe.“

    Ich konnte es mir nicht verkneifen hinzuzufügen: „Ist das nicht ein wenig vergleichbar mit dem Wir-Gefühl auch Ihres Hauskreises?“

    Allgemeines Staunen in der Hauskreisrunde: Fast jeder wusste ein persönliches Beispiel aus dem Reich seiner Liebeserfahrungen einzubringen. Dann folgten abschließend Bemerkungen wie:

    -       „Also so einleuchtend habe ich mir das mit dem Glauben noch nie erklären lassen!“

    -       „Das ist ja fantastisch! Dann muss ich den Glauben gar nicht mehr so sehr als feste Forderung Gottes an uns verstehen – verfestigt durch eine jahrhundertelange Tradition in Formulierungen des Glaubensbekenntnisses!“

    -       „Wenn ich das richtig verstehe, dann ist Glauben immer eine neue Entdeckung, ähnlich wie ich ja die Liebe zwischen meiner Frau und mir auch neu entdecken kann!“

    -       „Aber nun kommen mir doch Zweifel am ‚Möglichkeits-Glauben‘: Wird dann nicht alles sehr labil? Kann ich mich dann wirklich auf Gottes Nähe so felsenfest verlassen, wie ich mich doch auf meinen Partner verlassen kann?“

    -       Jemand kam mir zu Hilfe! „Also, wenn ich meine Bibel gut genug kenne – steht da nicht mehrfach das Versprechen Gottes drin: ‚Wenn ihr mich von Herzen immer wieder suchen werdet, so will ich mich je und je neu von Euch finden lassen!‘“

    Brauchte es dazu mein Schlusswort noch?

    -       Alles, was Gott tut, tut er, weil er es will. Demzufolge gibt es auch keinen „frommen“ Rechtsanspruch auf Segen.

    -       Wir können zwar den Segen Gottes nicht einfordern – wir können aber tapfer darauf bauen - ihn jetzt schon einbauen in unsere Zukunft. Wie das geht?

    -       Ich kenne jemanden aus einem Hauskreis – der würde spontan antworten: „Es hat sich bewährt, wenn ich jeden Tag je und je meinem Spiegelbild zurufe: ‚He, du bist doch für derlei Sorgen und Turbulenzen viel zu sehr gesegnet, als dass du dich dadurch unterkriegen lassen müsstest!‘“

     

    Kapitel 3: „Dem Segen im Miteinander der Gemeindekreise auf der Spur!“

    I.

    Haus– und Gemeindekreise tragen so etwas wie ein besonderes Geheimnis in sich, das in dieser Weise sonst in der Gemeinde nicht in vergleichbarer Intensität zur Wirkung kommt!

    Hauskreise verantworten und verwalten und durchleben auf ihre besondere Art und Weise die Schätze des Glaubens und gehören von daher zu den besonderen Kostbarkeiten der Christenheit und ihren Gemeinden.

    Also gilt die Frage für mich bis auf den heutigen Tag:

    -       Was ist das besonders Kostbare in Hauskreisen und kleinen Gemeindegruppen?

    -       Welchen Schatz des Glaubens leben sie auf ihre Art in besonders intensiver Weise?

    -       Welcher Wert der Kleingruppen sollte von der Kirche und ihren Verantwortungsträgern – gerade in einer Zeit schwindender Mitgliederzahlen – neu entdeckt, geschätzt und gefördert werden?

     

    II.

    Von der unvergessenen Hannelore Frank, einst Pfarrerin auf Sylt, habe ich aus ihrer ehrlichen Art gelernt, was das eigentlich ist, was die Bibel uns als „Segen“ nennt und beschreibt. Von daher kann ich das auch für die Hauskreise übertragen:           (aus H. Frank, Damals ist heute, Gütersloher Verlagshaus 1975, S.39f)

     

    Was ist das: ein Miteinander in Gottes Segen? 

    Es ist – um es kurz zu sagen – das, was Gott zum Handeln von uns Menschen hinzufügt, um aus diesem Handeln schließlich Glück und Gelingen entstehen zu lassen.

    Und die so Gesegneten vertrauen auf diese Gotteshilfe – strengen sich an auf jede Weise – entwickeln Phantasie für das Gedeihen des Miteinanders der Hauskreise. Sie überwinden Trägheit und Schwäche, Ungeduld und Rechthaberei immer aufs Neue...

    Und so erreicht man im Miteinander Wachstum und Gedeihen, glücklichere und mühsamere Phasen in Hülle und Fülle.

    Und jeder in der Gruppe empfindet, immer, wenn man miteinander den Hauskreis feiert:

    „Gott hat uns irgendwie doch reich gesegnet,

    er hat uns alles in allem Glück gegeben und Gelingen...“

     

    Aber, so fragt sich manch kritischer Geist mit seinem Blick von außen: “War es wirklich Gott? War es denn nicht der Mensch?“

     

    Er überlegt, befragt sein eigenes Leben: Oft hat er sich angestrengt und vieles ist ihm auch gelungen – aus eigner Kraft? Durch Gottes Hilfe?

    Zu unterscheiden, zu erkennen, zu beweisen ist das ja nicht – oder?

    -       Wenn einer sagt: Nicht ohne Gott – nur er gibt das Gelingen und führt es alles herrlich hinaus! Dann klingt das tapfer überzeugend – doch beweisen kann er's nicht.

    -       Und sagt ein andrer: Ich hab das geschafft, ich ganz allein – Gott war nicht dabei, auf keine Weise, dann mag ihm das wahrscheinlicher scheinen – doch beweisen kann er's nicht.

     

    Unser Tun und Gottes Segen - so können wir es heraus lesen besonders einleuchtend und plastisch aus den Geschichten von Abraham bis Jakob – sind ununterscheidbar, unleugbar ineinander verwoben.

     

    Und wer es mit dem einen halten will, muss auch das andere wagen – will sagen:

    -       Wer vertraut auf Gottes Segen, soll alles tun, sein Glück zu bauen...

    -       Wer sich sein Glück alleine bauen will, aus eigner Kraft und ohne Hilfe, sollte wissen, dass er es nicht schafft, wenn Gottes Segen nicht dabei ist.

     

    Und eines Tages, - irgendwann, viel später erst, im Rückblick auf ein ganzes Hauskreisleben oder einen Teil davon – stellt dann der eine wie der andere fest:

    Das also haben wir miteinander erreicht – aber auf welche Weise eigentlich?

    -       Aus eigner Kraft? Gewiss, wir haben oft einander nicht geschont, das mag schon sein.

    -       Oft aber ging's nur weiter gewissermaßen durch ein Wunder,

    -       Oft waren wir verzagt und hätten uns aufgegeben, wenn's dann nicht irgendeine Wendung, einen Rat und einen Weg gegeben hätte, den wir nun wirklich nicht mehr nur unserer eigenen Phantasie und Willenskraft verdankten.

    -       Da ahnten wir dann manchmal, was das heißen könnte:  Gotteshilfe, Segen und Erhörung selbst der niemals ausgesprochenen Bitten.

    Es kann nicht anders sein –

    -       Wir selber waren nicht stark, nicht schlau genug,

    -       Uns fehlte es an Mut und Zuversicht – an sehr viel mehr noch –

    -       und – wenn wir ehrlich sind – niemand weiß das doch so gut wie wir.

    Nichts geht von selber – und nichts glückt ohne Gottes Segen.

    Wir wissen es nicht immer! – Wir ahnen es gelegentlich!

    Wir glauben es in guten Stunden in Dankbarkeit – in späten Jahren: ja, da auch im Rückblick.

      

    III.

    Haus – und andere christliche Gemeindekreise zeichnen sich aus durch auffallende Bereitschaft zu Miteinander-Gruppen. Genauer: Bei jedem Treffen kommt es darauf an, dass aus einem einfachen Beieinander ein fruchtbares Miteinander wird.

    Das entsteht, wenn alle Teilnehmer zu möglichst großer gegenseitiger Transparenz bereit sind – also sich füreinander öffnen mit den persönlichen Stärken und Schwächen, mit den Sehnsüchten und Verletzungen.

    Nach Johann Baptist Metz – einem beachteten Theologen zur Zeit meiner Studentenschaft:

    -       „Wir brauchen Menschen, die uns von ihren Erfahrungen mit Gott erzählen – uns daran teilhaben lassen, damit die Kirche nicht an ihren eigenen (theologischen) Begriffen verhungert!“

    -       Was nützt eine erhellende Auslegung der Botschaft, wenn sie nicht zu einer Freilegung – zu einer Befreiung – zu einem Aufatmen – ja, wenn es dringend wird, zu einer Art „Beatmung“ - Reanimation bei uns wird!

    -       In der Kirche muss man nicht lange nach dem Glauben suchen – er wird in Predigten von der Kanzel herab präsentiert!

    -       In christlichen Transparenz-Gruppen geht man miteinander auf die Suche nach seiner Umsetzung in die persönliche Leben- und Glaubenssituation!

    -       In einem solchen transparenten Miteinander geht man auf die Suche nach der Umsetzung von eventuellen Glaubensimpulsen von außen in die persönliche Lebens– und Glaubenssituation!    Den Glauben ins Erleben bringen, in die persönliche Erfahrung, unmittelbar – darum geht es.

    -       Insofern sind solche Gruppen nicht als eine Art entbehrliche, besonders „fromme“ Anhängsel zu verstehen, sondern als für den Glaubensvollzug notwendige Weiterführungen:

    -       Was in Gottesdiensten auf allgemeiner Ebene zur Glaubensorientierung gepredigt und gebetet wird, findet erst in kleinen Gruppen wie den Hauskreisen seine Vertiefung und Verankerung im Bereich persönlicher Erfahrungen und Bedürfnisse.

    -       Damit weist jedes Gottesdienstgeschehen über sich hinaus auf eine weitere Station notwendiger Glaubens–Intensivierung unter der Fragestellung: „Wie lebt sich das, was ich vernommen habe?“

    Die sogenannten „Bibelarbeiten“ – das Zentralangebot bei Zusammenkünften evangelischer Gemeindeversammlungen – haben als Ziel nicht schon, den Glauben besser zu „kapieren“.

    Die Texte der Bibel

    -       Sie wollen nicht nur begriffen werden – sie wollen ergreifen!

    -       Sie wollen nicht nur gelesen – sie wollen gelebt sein.

    -       Sie wollen nicht nur ausgelegt – sie wollen ins eigene Leben hinein geliebt sein.

    -       Wo ist in einer Gemeinde der Ort und die Gelegenheit, diesen göttlichen Atem einzuüben – wenn nicht in den kleinen Gemeindegruppen und Hauskreisen?

    -       In der Regel lässt ja ein Predigtgottesdienst – wie auch jedweder Glaubensvortrag – seine Hörer allein mit der Frage: „Wie lebt es sich denn jetzt für mich, was in meiner Situation und gepredigten Theologie sich so sperrig zueinander verhält?

    Unter dem Druck solcher Fragestellungen sehnt man sich nach einem Miteinander von unterschiedlichen Mitmenschen – vergleichbar einem der vielen Freundeskreise, um in diesem geschützten Raum unterschiedliche Wahrnehmungen im Blick auf Lebens- und Glaubenseinstellungen frei von Zwang auszutauschen.

    So sucht man gemeinsam in Hauskreisgruppen u.ä. aus den biblischen Impulsen den Atem Gottes heraus zu spüren:

    -       und ihn geradezu „einzuatmen in sein eigenes tägliches Leben“ –

    -       so wie es der erste Schöpfungsakt Gottes am Menschen sehr bildhaft ausmalt: „Und der Herr blies ihm seinen Atem ein!“

    -       Religionen predigen von dem „Atem Gottes“ – aber vermitteln solche Kanzelworte schon den Spürsinn für diesen Atem?

     

    IV.

    Aber an genau dieser Nahtstelle wird ein Problem des Glaubens deutlich:

    -       Im Vorgang des Glaubens spüren wir ein Sichtproblem! Gott bleibt im Verborgenen – man sieht ihn nicht!

    -       Das lässt die menschliche Glaubenshaltung immer wieder unsicher werden.

    Der Glaube geht auf dieses religiöse Sichtproblem ein – verwischt nicht die Tatsache der Verborgenheit Gottes – aber der Glaube folgert nicht daraus,

    -       dass Gott – weil unseren Blicken unsichtbar – demgemäß für unser Leben unwichtig, weil untätig ist.

    Bibel und Tradition überzeugen auf Dauer weder durch Autorität – noch in der persönlichen Tiefe durch den Anspruch, anderen sei göttliche Offenbarung widerfahren. – Nur eigene Erfahrungen öffnen für Gewissheit – für Plausibilität, die das Erfahrene als Impuls aus der Verborgenheit des Göttlichen deuten!

    Nun stellt sich aber – unter Absehung aller hilfreichen Kalender- und Lebenssprüche - die Frage: Wie kann man Gott erfahren? (Im Folgenden formuliere ich manches in Nähe zu Prof. Gerd Theissen)

    Erfahrung ist Kontakt mit der Wirklichkeit – wir spüren sie entweder als Woge, der wir uns gerne anvertrauen – oder als eine Art Widerstand, an dem wir etwas ganz anderes als uns spüren.

    -       Aber während in aller sonstigen innerweltlichen Erfahrung ihr Woher erkennbar ist, entzieht sich der Ursprung göttlicher Erfahrbarkeit in die religiöse Verborgenheit.

    -       Das Glauben muss sich dementsprechend in einem Deute-Prozess gestalten: „Ich nehme etwas wahr – und frage dann: Was hat es für eine Bedeutung? Deutet es womöglich auf Gott hin?“

    -       Der Glaube tut dies, indem der Glaubende überall nach Spuren Gottes sucht.

    Weil ihr Ursprung sich aber nicht eindeutig als göttlich identifizieren lässt, tastet man seine Erfahrungen danach ab,

    -       ob sie die Welt transparenter für Gott machen

    -       ob sie – wie in der Nähe der Lebendigkeit Jesu – das Miteinander der Menschen irgendwie „gesegneter“ werden lassen?

     

    V.

    Manchmal zerreißt für uns der Schleier zur Verborgenheit Gottes hin – und die göttliche Unsichtbarkeit bricht mit erstaunlicher Kraft zur Plausibilität herein in den Raum unserer Wahrnehmungen. Es entsteht der Eindruck, ein unerwarteter Kairos würde uns geöffnet – eine Erfüllung von ganz woanders uns geschenkt.

    -       Was, wenn Gott sich in diesem Erlebnis aus seiner Verborgenheit und Unverfügbarkeit in eindrücklicher Weise und Überzeugungskraft bei uns bemerkbar macht?

    -       Unsere je und je neue Suche nach Gott findet auf diesem Wege ihr vorläufiges Ziel.

    Hier finden wir die Ursache dafür,

    -       warum Jesus in ganz unterschiedlichen Bildern und Gleichnissen von Gott sprach

    -       und der Eindruck entstand: „Wenn dieser Mann spricht oder handelt – es ist geradezu, als würde der Himmel sich öffnen und Gott selber sich einem ganz persönlich hilfreich und heilsam zuwenden!“

    An dieser Schwelle erleben wir je und je neu die Geburt der persönlichen Glaubensmöglichkeit:

    Manchmal wird die Grenze zwischen uns und der Verborgenheit Gottes durchschimmernd:

    -       Da ist ein ganz „normaler“ Sonnenaufgang – aber dieses Erleben bringt uns dazu, Gott total für      a l l e s  zu danken.

    -       Da spüren wir eine kleine Traurigkeit – aber sie gerät zum Anlass, unverhofft in totaler Weise an   a l l e m  zu verzweifeln.

    -       Da schauen wir ins nächtliche Sternenfirmament - wir ahnen im Universum eine überlegene, überwältigende Vernunft – und spüren ihr Update in uns.

    -       Wir hören eine biblische Geschichte zwischen Gott und einem Menschen – und wir vernehmen mitten darin als Frage Gottes an uns: „Adam, wo bist Du?“ – Und wir ahnen mit unerwarteter Plausibilität: Da wartet jemand auf uns – er wartet auf unsere Antwort!

    -       Professor Gerd Theissen formuliert:

    Religiöse Erfahrung – also der je und je neu gewagte Glaubensprozess – entzündet sich an einzelnen Teil-Erfahrungen, als seien sie alles – und antwortet auf das Ganze, als seien wir – ich und du – einzeln und persönlich gemeint. –

    Ein winziger Teil der Welt wird Anlass, das Ganze neu im Horizont Gottes zu erleben.

    Im persönlichen Glaubensprozess ist der einzelne immer wieder herausgefordert, in jeder Phase seines Lebens sich Fragen zu stellen – immer mit dem Ziel, die Spur Gottes je und je neu zu entdecken.

    In geradezu atemberaubender Weise lässt sich dies schon in den Erzählungen der alten Bibel nachvollziehen:

    -       da ist Abraham, der sich heraus berufen fühlt aus der statischen Tempelordnung seiner babylonischen Frömmigkeitskultur mit dem ehrerbietigen Aufblicken zu den festen Göttersitzen am Firmament der vielen Sterne. Abraham, der sich auf Geheiß göttlicher Stimmen auf den Nomadenweg macht ins unbekannte Land und dabei Gott als Gott der Bewegung und der Begleitung erfährt und erlebt.

    -       Da lassen sich seine Nachfolger schließlich – ihr Nomadendasein hinter sich lassend – im Land Kanaan nieder und aus Nomaden wurden Bauern – sesshaft und ihren Glauben fixierend im Bau eines Tempels. Und dennoch mussten sie – hin und her gebeutelt durch die Machtspiele umliegender Potentaten – immer wieder angstvoll fragen: „Wo ist denn jetzt unser Gott?“ (Jeremia 2,6f)

    -       Wie greifen Gott und das jetzige Leben mit seinen besonderen Umständen ineinander?

    -       Die Antwort ließ – nicht nur in biblischen Zeugnissen – oft allzu lange auf sich warten – das Schweigen des verborgenen Gottes währte bisweilen über Generationen.

     

    VI.

    Die Frage, wie Gott zu verstehen und zu erfahren ist, begleitet uns unser Leben lang.

    -       Deshalb überrascht es gar nicht, dass ein Kinderglaube in der Jugendzeit und im Erwachsenenalter nicht mehr einfach trägt. Glauben und Verstehen wollen und müssen mit den Veränderungen des Lebens mitwachsen!

    -       Jede Veränderung der Lebenssituation (Schule, Studium, Beruf, Partnerschaft, Gründung einer Familie, Ruhestand) und jede Veränderung der Lebensperspektive fordern uns heraus, die Frage neu zu stellen, wo und in welcher Weise Gott jetzt seinen Platz hat im eigenen Leben, Denken und Begreifen.

    Die Frage ist, ob unsere Kirche angesichts der vielfältigen persönlichen Lebenssituationen und der sehr unterschiedlichen Glaubensentwürfe ihrer Mitglieder in den Gemeinden auf solch eine Fülle von Unterschiedlichkeiten eingestellt ist?

    Eins ist sicher: In den bisherigen zentralen Veranstaltungen eines Gottesdienstes gelingt das nicht!

    -       Da bräuchte es zum Beispiel Predigten mit integrierten Murmelgruppen-Phasen – also spontane Hauskreis-Kleinstgruppen – eventuell mit Rückfragen aus dem Plenum an den Prediger!

    -       Da bräuchte es Gottesdienste, in denen genügend Zeit wäre, dass einzelne Gemeindegruppen darüber informieren, was ihnen gerade besonders am Herzen liegt!

    Andererseits – manche Chancen wären schon vorbereitet:

    Wo es in christlichen Gemeinden Kindergärten bzw. Kleinkindergruppen gibt, bietet die Kirche Räume an, in denen persönliche Lebenssituationen bis hin zu unterschiedlichen Glaubensentwürfen füreinander transparent werden können.

    -       Wo es in christlichen Gemeinden Jugendgruppen bzw. Konfirmandenkreise gibt, birgt deren Gestaltung Möglichkeiten christlicher Gesprächskultur.

    -       Tauf- und Traugespräche können zum Angebot eines Austauschs von Glaubensentwürfen und Lebenssituationen werden. Das gleiche gilt für Beerdigungsgespräche mit den trauernden Angehörigen.

    -       Aber auch sonstige Gruppenangebote im Gemeindehaus (vom Bastelkreis bis zum Seniorentreff) bieten zahlreiche Möglichkeiten, Hilfestellung zu leisten, wie denn Gott zu verstehen und zu erfahren ist in ganz konkreten Lebenssituationen.

    Wichtig dabei ist, dass es sich dabei nicht einfach um Info-Angebote der Gemeinde zum Thema „Glaube“ handelt – wie es etwa das sonntägliche Predigtangebot erfüllt.

    -       In der Regel lässt ein Predigtgottesdienst – wie jedweder Glaubensvortrag – seine Teilnehmer alleine mit der Frage: „Wie lebt sich das jetzt für mich und für andere, was sich in der Theorie so gut anhört?“

    -       Solch eine Fragestellung sehnt sich nach einem Miteinander – um einen Austausch auf gleicher Augenhöhe im Blick auf unterschiedliche Lebens- und Glaubensentwürfe und Situationen.

    Wohl gemerkt – unsere Hauskreise erfahren das von Mal zu Mal besonders intensiv: Glauben ist immer mit der eigenen Biografie verwoben und benötigt deshalb auch eine eigene, ehrliche Antwort.

    Das Ziel aller christlicher Kleingruppengemeinschaften ist es, die Verknüpfung zwischen der eigenen Lebensgeschichte und dem Handeln Gottes nicht nur intellektuell zu entdecken – sondern je und je neu existenziell für unser Leben aufzudecken und miteinander durch zu tragen.

    -       Sie können dabei zu Sicherungsnetzen werden, die uns miteinander auffangen, wenn wir beim „Hochseilakt“ des Lebens und des Glaubens den Halt zu verlieren drohen. Und niemand ist davor gefeit.

    -       Der Blick kann in Miteinander-Erfahrungen leichter frei werden dafür, dass wir unter der Regie Gottes nicht ins Bodenlose fallen, sondern Gehaltene sind und je und je neu werden.

    Dabei kann alles menschliche Zusammenrücken nicht die zeitliche Verborgenheit Gottes aufheben – und doch können wir gerade dann erfahren, inwiefern Gott uns auch in den anderen neben uns nahe zu kommen versteht!

     

    VII.

    Dazu noch einige herausfordernde Zitate:

    Das Normale ist die normale Art Gottes, Wunder zu tun!“ – Der Pfarrer und Karikaturist Tiki Küstenmacher hat wohl recht: Auch an einem ganz normalen Tag finden sich viele „große Dinge“, die Gott tut – die Gott unter seiner verborgenen Regie hervorbringt!

    -       Die Bibel mit ihren oft großartigen Schilderungen der Rettungstaten Gottes – bisweilen ein ganzes Volk vor Unheil bewahrend – bisweilen bis ins Körperliche hinein heilsam wirkend wie bei Jesus – verleitet uns dazu, die Wirkkraft Gottes nur im Außergewöhnlichen zu erkennen. Gott muss dann sozusagen aus dem „Gewöhnlichen“ spektakulär heraustreten.

    -       Damit verschließen wir unserer Urteilskraft einen ganzen großen Bereich der Tätigkeiten Gottes:

    -       Gott flicht sich aus seiner Verborgenheit heraus ein in die Aktivitäten der Menschen und hilft diesen im Zusammenwirken zum Gelingen!

    -       Hier ein praktisches Beispiel dafür: „Wer einmal ernsthaft und länger auf dem Krankenlager ausharren musste – immer zwischen Hoffnung auf die ärztliche Kunst und Resignation – der wird sich an manche Augenblicke erinnern: Verstehen die Ärzte am Krankenbett und lassen einen wissen: „Wir haben jetzt alles getan, was in unserer Macht möglich ist! Wir können nicht garantieren, dass es wirklich hilft!“ – Und manche Mediziner fügen bescheiden hinzu: „Da muss noch eine andere Macht wirken, wenn es nicht der Zufall sein wird.“

    Ein amerikanischer Prediger gab einst seinem Enkel den folgenden Rat mit: „Du solltest immer sorgsam darauf achten, dass das Bild deiner eigenen Zukunftsmöglichkeiten groß genug ist, dass Gott mit seiner Vision von deiner Zukunft – mit dem Reich seiner Möglichkeiten - genügend Platz darin findet!

    -       Jesus hat in seiner Kernbotschaft davon gesprochen, dass es neben dem Reich unserer Möglichkeiten noch ein viel weiteres gibt – das Reich der Möglichkeiten Gottes. Dieses Reich mit der Weite seiner Möglichkeiten dringt schon jetzt hinein in unsere Lebenszusammenhänge. Christlicher Glaube ist von daher „Möglichkeits-Glaube“.

    -       Alles, was Gott tut, tut er, weil er es will. Demzufolge gibt es auch keinen geistlichen Rechtsanspruch auf Segen.

    -       Wir können zwar den Segen Gottes nicht einfordern – wir können aber hoffnungs- und erwartungsvoll darauf bauen – ihn also einbauen in den Horizont unserer Zukunftserwartungen.

    Wie kann das geschehen?

    -       Zu Gott hin im erwartungsoffenen Gebet in Dank, Bitte und Fürbitte

    -       Und auch zu unseren Mitmenschen: niemandem die Weite seiner Entfaltungsmöglichkeiten absprechen mit dem brennenden Wunsch im Herzen, die Zukunftschancen aus den göttlichen Möglichkeiten schon in der Gegenwart zu teilen.

    „Ich habe mir immer mehr angewöhnt, das Zufällige in meinem Leben genauer zu beobachten, ob sich darin nicht mehr noch als nur irgendein Zufall verbirgt!“ (Jens Plinke)

    Da stehen zwei ältere Männer vor dem Zaun eines Gartens – der eine von beiden leicht zu erkennen an der dunklen Kleidung als Pfarrer des Ortes. Der andere erzählt voller Begeisterung davon, wie er den ganzen Sommer über die Pflanzen und Blumen in seinen Beeten gehegt und gepflegt hat:

    -       „Und schauen Sie, Hochwürden, was aus einer meinen Anstrengungen und Mühen geworden ist: spätsommerliche Blumenpracht und baldige überreiche Herbsternten!“

    Der Herr neben ihm schaut gar nicht so begeistert und überwältigt auf den Garten vor ihm. Mit geistlicher Strenge reagiert er:

    -       „Mein Herr, ich kann ja ihren Gärtner-Stolz voll verstehen. Aber vergessen Sie über Ihre Schwärmerei nicht, was Paulus in der Bibel geschrieben hat:

    -       ‚Wir Menschen pflanzen und begießen‘ sehr wohl – eine Arbeit oft unter großen Mühen. Aber das wichtigste ist doch: Gott ist es der das Gedeihen gibt! Das dürfen wir nie vergessen!“

    Verlegen kratzt sich der Gärtner am Kopf und dann hellt sich seine Verlegenheit schnell auf:

    „Herr Pfarrer, sie mögen ja Recht haben – aber Sie hätten mal sehen sollen, wie der Garten aussah, als der liebe Gott ihn noch alleine bewirtschaftet hat!

     

    VIII.

    Fazit: Im Vollzug des Glaubens begibt man sich also ehrlicherweise immer auf ein Terrain voll Unsicherheit. Grundsatzfragen drängen sich je und je neu auf:

    - Existiert Gott überhaupt, wenn er doch unsichtbar ist?

    - Ist er womöglich nichts weiter als eine Einbildung – ein Wunschdenken, an den Himmel projiziert - also letztlich reine Selbstsuggestion?

    Da ist es gut, wenn wir nicht alleine auf die Suche nach Gott gehen, sondern an unserer Seite Begleiter haben – Mitmenschen, die uns nicht nach dem Mund reden, sondern auch von ganz anderen Ergebnissen und Deutungen ihrer religiösen Erlebnisse erzählen können!

    Jeder Hauskreis – jede christliche Gemeindegruppe bietet sich dazu an, sich mit uns auf unsere ganz persönliche Suche nach Gott zu begeben.

    Christliche Gemeindekreise können dabei zu Sicherungsnetzen werden, die uns miteinander auffangen, wenn wir beim „Hochseilakt“ des Lebens und des Glaubens den Halt zu verlieren drohen. Und niemand ist davor gefeit.

    Hier finden sich für das Miteinander im Hauskreis Anlässe genug zur Feier, wo die Menschen außerhalb vielleicht nur den Kopf schütteln: „Die Frommen zelebrieren wieder einmal nichts als ihre religiösen Vorstellungen!“

     

    Kapitel 4: „Hauskreise als 3-D-Resonanzgemeinschaft!“

    I.

    „Es gibt eine tiefe Sehnsucht in uns Menschen, dem Leben, der Welt als Ganzes verbunden zu sein.“

    -       Ich glaube, Religion gewinnt daraus ihre anhaltende Kraft und Attraktivität, dass sie ganz tief auf die Idee angelegt ist, dass da draußen einer ist, der uns den Lebensatem einhaucht und damit an den Grund unserer Existenz eine Resonanzbeziehung setzt – eine Antwortbeziehung.

    -       Resonanzbeziehung bedeutet, sich von etwas außerhalb seiner selbst berühren zu lassen: Etwas erreicht mich – bewegt mich – versetzt mich in ungewohnte Schwingungen – verändert mich!“ (Nach Hartmut Rosa)

     

    II.

    In der Bibel wird Gott in zahlreichen Szenen und Geschichten geradezu als der geschildert, der immer wieder Sehnsucht danach hat, im gegenseitigen Miteinander gute Spuren in unserem Leben gedeihen zu lassen.

    Diese Sehnsucht Gottes nach intensivsten Kontakten zu uns Menschen wird vielleicht am eindrücklichsten dargestellt in jenem Deckengemälde Michelangelos in der sixtinischen Kapelle des Vatikans.

    Da beeindruckt einen,

    -       wie sich Gott-Vater aus den Wolken des Himmels und der Engelscharen heraus mit starkem Arm leidenschaftlich-sehnsuchtsvoll ausstreckt nach dem gerade erschaffenen Adam!

    -       Auffallend tatkräftig und willensstark ist seine Erscheinung mit starkem Arm – das steht dem Schöpfer der Welt ja auch zu!

    -       Sein Zeigefinger scheint schier zum Bersten vor Freude erfüllt zu sein in der Erwartung auf die bevorstehende Berührung mit den Menschen.

    Adam hat ebenfalls seinen Zeigefinger ausgestreckt – allerdings auffallend passiv, fast lässig und irgendwie lustlos – so als wollte er sagen:

    -       „Lass mal, so wie ich jetzt geboren bin, das ist gut so. Misch dich möglichst nicht weiter in mein Leben ein – ich komm schon klar – passt schon!“

    Wenn man sich Zeit nimmt und immer wieder hinaufschaut an die Decke, dann entdeckt man viele Einzelheiten, die dem Maler Michelangelo dazu eingefallen sind – man weiß gar nicht, worüber man am meisten staunen kann:

    -       Da ist der Adam – ein wahres Bild von Mensch – mit beneidenswertem Waschbrettbauch - vollgepackt mit Muskeln! Ein richtiges Kraftpaket und hübsch anzuschauen - alles in allem eine „bella figura“ (wie die Italiener sagen würden).

    -       Gut, ich vermute: Adam hatte braune Augen – und alle Wissenschaft spricht dafür.

    -       Aber was spräche dagegen, dass Gott vom blauen Himmel herab mit himmelblauen Augen auf die Menschen schaut – oder?

    -       Das würde zumindest erklären, warum Gott uns Menschen mit unterschiedlicher Augenfarbe geschaffen hat!

    -       Egal – jeder Betrachter mag beim Anblick des Adam denken: „Da hat Gott sich aber was ganz besonders Tolles ausgedacht! Dieser Adam – der hat die besten Voraussetzungen fürs Leben mitbekommen!“

    Wie gesagt: Wenn der nur nicht so schlaff daliegen würde, dieser angehende Held der ganzen Menschheit!

    -       Und jeder mag denken: Dem Adam fehlt noch etwas Entscheidendes, das ihn wirklich lebendig macht.

    -       Vielleicht sehnt er sich schon in dieser Szene viel mehr noch nach den Resonanzschwingen der Liebe zu einer Frau. Wer weiß?

    -       Irgendwie müsste er noch „nachgerüstet“ werden, damit er sich im Leben ganz nach dem Sinne Gottes zum Guten einsetzen kann!

    Auf jeden Fall: In diesem Gemälde konzentriert sich die Schöpfungsabsicht Gottes auf ein gegenseitiges Resonanzverhältnis zu jedem Menschen. Und offensichtlich macht es die Stärke Gottes aus,

    -       dass er alle möglichen Anstrengungen unternimmt, um je und je neu in ein Resonanzverhältnis zu Menschen einzutreten

    -       dass wir also von Anbeginn unserer Zeit an und in der Tiefe unserer Existenz in eine umfassende Antwortbeziehung eingebettet sind.

     

    III.

    Das ‚Miteinander-Sein‘ ist das geheime Ziel Gottes im ganzen Entwicklungsprozess seit der Schöpfung!“ (nach Wells)

    „Wir sind auf Gemeinschaft hin erschaffen – auf Verbundenheit hin ausgelegt – für intensive Generationen-Begegnungen geformt – und seit Beginn des Christentums in intensive hauskreisähnliche Gemeinschaften eingeladen! Und niemand von uns kann diese Zielabsicht Gottes allein für sich erreichen!“ (nach Rick Warren)

    Wir brauchen von daher Orte, um uns in diese göttlichen Zielabsichten einzuüben: Menschen zu lieben, die vielleicht so ganz anders sind als wir – und auch sein dürfen zu unserer Ergänzung!

    Wir brauchen Orte wie unsere Hauskreise, in denen man es miteinander wagt, tapfer die Einladung Jesu einzuüben,

    -        was es je und je neu heißt, seine Nächsten zu lieben wie sich selbst

    -       und was es sogar bedeutet, seine Feinde zu lieben – in der wachsenden Überzeugung: „Wir werden dann dabei schon nicht zu kurz kommen!“

    Das ist der tiefere Grund, warum Gott offensichtlich jeden Menschen seitdem ausstattet mit vier Sehnsüchten:

    -       1) Kein Mensch möchte wohl immer allein sein – er sehnt sich sein Leben lang nach Menschen, die eine nicht im Stich lassen – angefangen von Mutter und Vater, den Geschwistern – später Freundschaften – schließlich Partnerschaften usw.

    Und man kann vermuten, dass Gott sich da einreiht – und je und je neu darauf hofft, dass die Menschen sich auch nach ihm sehnen (nicht nur dann, wenn sie sich von Gott und der Welt verlassen fühlen!).

    -       2) Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht geliebt – zumindest beliebt sein möchte – und zu dem die anderen sagen: „Ich mag dich so, wie du bist (auch wenn ich dich manchmal noch anders wünschte).“

    -       Man kann auch da gewiss sein, dass wir Menschen bei Gott ähnliche Liebe finden.

    -       3) Jeder Mensch möchte, dass andere ihn wertvoll finden – dass sie ihn nicht als wertlos übersehen und er sich dadurch überflüssig vorkommen muss – dass man von anderen Menschen gezeigt bekommt: „ Gut dass du da bist!“

    Auch Gott sehnt sich danach und tut alles dafür, dass wir ihn wertschätzen – dass wir immer wieder fühlen: „Das ist für mich ja ein Segen, dass es Gott gibt!“

    -       4) Alle sehnen sich danach, irgendwie gebraucht zu werden – nicht so, wie andere einen gut gebrauchen könnten, sondern so, wie er nun einmal ist mit seinen Stärken und Schwächen. Kein Mensch möchte bei den anderen überflüssig sein!

    Und da ist die Sehnsucht Gottes danach, dass wir ihm immer wieder einmal zeigen: „Ja, man kann nur staunen, was alles gut wird, wenn wir den sehnsüchtigen Gott in unsere Sehnsüchte hineinlassen und ihn und seine Segenskraft bei uns wirken lassen!“

    Wenn ich das jetzt so sage, spüre ich, wieviel besser es im Leben klappen kann, wenn die himmlische Sehnsucht Gottes nach uns und unsere vier Grund-Sehnsüchte in gegenseitiger Begegnung immer wieder zusammentreffen.

    Wir können das spüren – spätestens, wenn unser Leben an Grenzen stößt:

    -       Wenn du dich einmal zu sehr allein fühlst, dann lass dir von anderen sagen: „Gott wird mit mir einen Weg finden zu Menschen, die es mit mir aushalten!“

    -       Wenn du dich einmal ungeliebt fühlst und denkst: „Niemand mag mich“, dann lass dich anstecken von Gott und seiner Zusage bei deiner Taufe: „Du bist und bleibst mein geliebtes Kind! Halte meine Vaterliebe fest – sie ist unauslöschlich wie die Elternliebe in wohl jeder Familie!“

    -       Wenn du einmal denkst: „Ich bin ja gar nichts wert!“, dann vergiss nicht, der Wertschätzung Gottes nachzuspüren. Denn du bist es wert, die Liebe Jesu mit seiner Welt je und je neu zu teilen!

    -       Und wenn du dir aber nutzlos und überflüssig vorkommst, dann kannst du dir sagen: „Ich bin nicht wirklich in dem, was ich habe – ich bin nicht wirklich in dem, was ich tue – ich bin nicht wirklich das, was andere von mir meinen! – Ich bin auf jeden Fall genau das, was Gott noch mit mir vorhat!

     

    Wir können dem noch intensiver nachspüren, wenn wir uns nicht nur auf die Resonanzebene zu Gott hin einlassen, sondern uns im Beieinander einer Gruppe auf die Suche machen:

    -       „Diese unterschiedlichen Sehnsuchtsresonanzen zwischen Gott und uns Menschen zu wissen – das ist das Eine!

    -       Miteinander ins Gespräch zu kommen darüber: „Wie lebt sich das ganz praktisch im Raum unserer Lebenserfahrungen?“ – Das ist erfahrungsgemäß noch viel mehr, weil es vertiefend wirkt!

     

    IV.

    Hauskreise lassen sich gemeinschaftlich auf eine dreidimensionale Resonanz-Bewegung im Horizont des Glaubens ein:

    -       indem sie sich allabendlich miteinander im Austausch ihrer Erlebnisse auf die Suche nacheinander begeben – und dabei offen werden auch für das Fremde in den Anderen

    -       indem sie sich auf einen Prozess einzulassen, der jeden selber auch verändern darf.

    -       In all dem machen sie sich auf Spurensuche danach, was alle Erfahrungen im Leben mit Gott zu tun haben können.

    Hauskreise sowie viele andere Gemeindegruppen lassen sich aufs Intensivste in solch eine Resonanzbeziehung ein:

    -       Schon für die Eingangsphase solcher Treffen habe ich immer eine sogenannte „Befindlichkeits- bzw. Resonanzrunde“ empfohlen: „In wenigen Sätzen möge jeder sagen, wie er heute zu diesem Treffen gekommen ist!“

    -       So erreicht man einander – lässt sich bewegen von dem, was die anderen bewegt – lässt sich dadurch in Schwingungen der eigenen Seele versetzen, die an einen selbst durch erzählte Freude und durch vernommenes Leid anderer herangetragen wurden.

    -       Eventuell werden sie als Diskrepanz zur eigenen Gestimmtheit wahrgenommen – und man lässt sich gegebenenfalls gegen eigenen inneren Widerstand davon dennoch betreffen.

     

    V.

    Manfred Siebald hat einst eine heimliche „Hauskreis Hymne“ komponiert, die das grundsätzliche Resonanzempfinden in christlichen Gemeindegruppen ins Klingen bringt:

    Refrain:

    Gut, dass wir einander haben – gut, dass wir einander seh‘n:

    Sorgen, Freuden, Kräfte teilen und auf einem Wege geh‘n.

    Gut, dass wir nicht uns nur haben – dass der Kreis sich niemals schließt

    und dass Gott, von dem wir reden, hier in uns‘rer Mitte ist.

    1)      Keiner, der nur immer redet, keiner, der nur immer hört.

    Jedes Schweigen, jedes Hören, jedes Wort hat seinen Wert.

    Keiner widerspricht nur immer – keiner passt sich immer an!

    Und wir lernen, wie man streiten und sich dennoch lieben kann!

     

     

    2)     Keiner, der nur immer jubelt – keiner, der nur immer weint!

    Oft schon hat uns Gott in uns‘rer Freude und in uns‘rem Schmerz vereint.

    Keiner trägt nur immer and‘re – keiner ist nur immer Last!

    Jedem wurde schon geholfen - jeder hat schon angefasst!

     

    3)     Keiner ist nur immer schwach und keiner hat für alles Kraft!

    Jeder kann mit Gottes Gaben das tun, was kein and‘rer schafft!

    Keiner, der noch alles braucht und keiner, der schon alles hat!

    Jeder lebt von allen andern – jeder macht die andern satt!

    Gut, dass wir einander haben – gut, dass wir einander seh‘n:

    Sorgen, Freuden, Kräfte teilen und auf einem Wege geh‘n.

    Gut, dass wir nicht uns nur haben – dass der Kreis sich niemals schließt

    und dass Gott, von dem wir reden, hier in uns‘rer Mitte ist.

    Als Musikliebhaber weiß ich: Beim Anhören mancher Musikstücke können wir tief berührt und bewegt werden und eine Sehnsucht – und eine Ahnung – steigt auf von dem, was Leben gelingen lässt.

    In einer Musik kann man so etwas wie eine vorreligiöse Ahnung – eine positive, bergende Einbettung erleben.

    -       Es klingt in uns etwas an, was über die reine Musik und zugleich auch über unsere jeweilige gefühlte Vorfindlichkeit hinausgeht.

    -       In einem Lied kann man sich geborgen – ja, geradezu wie „Zuhause“ fühlen.

    -       Aber das muss einen nicht bequem machen, sondern kann uns zugleich innerlich in Spannung – in Bewegung – bringen:

    -       offen dafür, dass unsere Sehnsüchte nicht umsonst sind –

    -       geöffnet für Zuversichten, die wir vorher in uns nicht wahrgenommen haben.

    -       Sie erreichen einen – sie bewegen (wenn sie einen nicht kalt lassen) – sie versetzen mich in tiefere Schwingungen – sie rühren tröstlich an oder ermutigen mich – sie wecken die Bereitschaft, sich womöglich zu verändern!

    Es klingt zusammen, was zusammen gehört: Da sind Klänge – Zusammenklänge aus drei Ebenen der Lebendigkeit:

    -       der Umgebung dessen, was man selber nicht ist –

    -       der eigenen Tiefe, die man ohne Hilfe der Musik gar nicht so intensiv spürt

    -       und aus der Fülle der klanglichen Bewältigung eine Ahnung für die Erreichbarkeit Gottes!

     

    VI.

    Professor Hartmut Rosa bin ich sehr dankbar dafür, den Vorgang des Glaubens als Resonanz-Erscheinung neu in den Blick zu nehmen.

    Wenn Menschen eine Kirche besuchen – auch außerhalb eines Gottesdienstes

    -       dann sehen sie sich oft versetzt in eine Art positive Einbettung in die Welt – und ihre Lebens–Zusammenhänge

    -       und darin hinein verwoben  ein Ahnen – oder gar die Plausibilität der beeindruckenden Regie Gottes.

    -       Und es wird ihnen – intensiv wie in einem Gebet – möglich, sich überwältigt auf diesen Gott und seine Tätigkeiten neu einzulassen.

    Und es beginnt ihnen einzuleuchten,

    -       dass wir von Anbeginn unserer Zeit an und in der Tiefe unserer Existenz in einer umfassenden Antwortbeziehung eingebettet sind (nach Hartmut Rosa)

    -       dass in ihm und hinter ihm ein antwortender, liebevoller Gott waltet.

    Ähnliche Beispiele könnten wir gewiss auch erzählen von Naturerlebnissen.

    Jeder Gottesdienst – selbst mit einem hohen Predigtanteil wie dem evangelischen – ist durchklungen von einem vergleichbaren Resonanzempfinden:

    -       Da sind Musik, Gebete, Predigtworte im Angebot – sie erreichen uns – sie bewegen uns (wenn‘s gut geht) – sie versetzen uns in tiefere Schwingungen – sie rühren uns tröstlich an oder ermutigen – ihre Schwingungen verändern uns und infolgedessen verlassen wir die Kirche anders, als wir eingetreten waren.

    -       Welch ein Resonanzgeschehen, das leider viel zu selten durch Gottesdienstnachfragen „Was hat Dir dieser Gottesdienst gegeben?“ eruiert wird. Eine ganze Kirchenreform könnte sich daraus entwickeln!

     

    VII.

    Und da ist – in einem merklichen Unterschied – das Resonanzereignis in christlichen Haus- und Gemeindekreisen: Das Erleben einer christlichen Resonanzgruppe – aber mit entscheidendem Unterschied zu einem „gewöhnlichen“ Gottesdienst gestaltet sich das Resonanzgeschehen höchst vielspurig und vielstimmig!

    -       Da versammelt man sich regelmäßig in der vertrauten und darum öffnungsbereiten Gruppe – auf gleicher Augenhöhe – und wird hinein genommen in die Fülle eines „Resonanzgeschehens“:

    -       Man singt miteinander Lieder des Glaubens – mit vollem Herzen oder auch je nach persönlicher Befindlichkeit in innerer Distanz einzelner.

    -       Man findet sich zusammen in einem frei formulierten vielfältigen Eingangsgebet und eventuell in der Kurzauslegung eines Bibeltextes oder einer religiösen Literatur – ausgesucht durch einen der Teilnehmer.

    -       Man tauscht sich aus darüber, was dieser Text der je eigenen Lebenssituation anbietet – dabei hält man unterschiedliche Empfindungen und Deutungen der Teilnehmer aus!

    -       Wohl gemerkt: Alles geschieht auf gleicher Augenhöhe und niemand steigt dabei – „auf die Kanzel seiner Glaubens Deutung“, um den anderen zu „predigen“, was Glaubenssache ist und was nicht!

    Unter diesem Resonanzaspekt lässt sich auch verstehen, warum ich den Gemeindekreisen jeweils empfohlen habe, ihr Treffen mit einer Abschlussrunde zu versehen:

    -       „Was nimmt ein jeder von uns aus diesem Abend mit in seinen Alltag?“

    -        Und „was trage ich vom anderen mit nach Hause?“

    -       „Verlasse ich dieses Treffen anders als bei meinem Ankommen?“

    -       „Wieviel Resonanzwirkung habe ich also am jeweiligen Abendtreffen erlebt?“

    Es ist gerade dieses Miteinander von ganz unterschiedlichen Resonanzerscheinungen, die aufeinander treffen, aufeinander reagieren, nachfragen und sich eventuell korrigieren lassen, sich gegenseitig beeinflussen und sich gezielter auf die persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Teilnehmer eingehen und auswirken.

     

    VIII.

    Resonanzgeschehen in Gruppen werden ermöglicht durch mehrere wichtige Voraussetzungen (nach Hartmut Rosa):

    1)     Ob sich erhellende und fruchtbare Resonanzen einstellen, ist nicht erzwingbar.

    -       (Von daher ist es sehr fraglich, einem zweifelnden Teilnehmer den Ratschlag zu geben: „Das musst du einfach glauben!)

    -       Es bleibt in jeder christlich geprägten Resonanzerscheinung zunächst undeutlich, was dabei für jeden herauskommt!

    -       „Ich kann meinen Lieblings Choral im Herzen tragen und die besten Freunde um sich scharen – und es passiert nichts: Ich werde nicht berührt und nicht bewegt. Und es beschleicht mich das Gefühl der Entfremdung gegenüber den anderen Teilnehmern und auch im Blick auf Gott!“

    2)     Die Teilnehmer müssen Zeit und Geduld füreinander mitbringen. Der Aufbau von Resonanz-Beziehungen ist immer zeitintensiv – das gilt für den Glauben zu Gott hin ebenso wie zum Mitmenschen! (Wenn sich zwischen Arzt und Patient so etwas wie ein Resonanzverhältnis ausbilden soll, dann darf die Stoppuhr nicht mitlaufen.) Das ist der Grund, warum manches Treffen – anders als ein öffentlicher Gottesdienst – zeitlich „aus dem Ruder laufen“ kann.

    3)    Eine Grundvoraussetzung für jeden Teilnehmer: Man muss sein mögliches Maß an Offenheit und Vertrauen mit- und einbringen. Das meint eine

    -       Bereitschaft, offen zu werden auch für das Fremde im Anderen und in ihrem Bild von Gott

    -       sich auf ein Geschehen einzulassen, in dessen Einfluss wir Neues erfahren

    -       und dadurch ein Stück weit verändert werden können.

     

    IX.

    Dieser allabendliche Umgang miteinander auf der Erlebnisebene – was den Glauben und was die Begegnungen in den gesellschaftlichen Bezügen angeht – sensibilisiert die christlichen Resonanzgruppen besonders intensiv für eine Fragestellung, für die ansonsten in christlichen Gemeinden weniger Zeit vorgesehen ist:

    Hauskreise und Gemeindegruppen – bewegt mit Ungeduld: „W i e  l e b t  s i c h   d a s, was der Glaube einem anbietet und was in Glaubensvorträgen und von der Kanzel herab gepredigt wird?“ – „Wie greifen Gottes Aktivität und unser eigenes Leben mit seinen besonderen Umständen ineinander?“

    Den Glauben ins eigene Erleben und in das Erleben mit Gott zu bringen – als unmittelbare Resonanz-Erfahrung – darum geht es im Eigentlichen eines christlichen Hauskreis-Miteinanders.

    Es besteht geradezu ein Feuerwerk von ganz unterschiedlichen Resonanzerscheinungen, die aufeinandertreffen, die aufeinander reagieren, nachfragen und sich eventuell gegenseitig korrigieren, sich gegenseitig beeinflussen und gezielter auf die persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Teilnehmer eingehen und sich auswirken.

    In christlichen Resonanzgruppen geht es nie nur um das  V e r s t e h e n  des Glaubens – ausgehend von dem, was ein jeder in seinem Alltag zwischen Freud und Leid erfährt, wird auch das  E m p f i n- d e n  des Glaubens wichtig!

    Die Texte der Heiligen Schrift

    -       wollen nicht nur erhellend ausgelegt – sie wollen geliebt sein.

    -       Sie wollen nicht nur begriffen werden – sie wollen intensiv ergreifen!

    -       Sie wollen nicht nur auf Abstand gelesen – sie wollen gelebt sein.

    -       Sie wollen nicht nur bestaunt werden als imponierende Relikte aus uralten Zeiten – sie wollen nach unserem Alltagsleben greifen – so plausibel werden, dass sie auf uns heilsam wirken – wie bei Jesu zahlreichen Heilungsgeschichten zu einer ansteckenden Gesundheit für uns werden!

    Von daher ist es eine dringende Notwendigkeit,

    -       …den Hauskreisen Bibeltextauslegungen an die Hand zu geben, die ihnen im Blick auf ihre eigene Praxis die Suche nach den Spuren Gottes in ihrer eigenen Erfahrungswelt erleichtert. Unter dem Titel „Bibel aktuell“ habe ich einst viermal pro Jahr ca. 4000 entsprechende Exemplare in der „Hauskreis-Welt“ gestreut.

    -       …den Hauskreisen immer wieder einen Überblick zu bieten, was sich in den unterschiedlichsten Haus- und Gemeindeszenen im „Ländle“ gerade tut – sozusagen als eine Ideenbörse für die eigene Ausgestaltung. Dazu habe ich einst dreimal jährlich eine Hauskreis-Zeitung „Perspektiven“ verteilt.

    Wir können gespannt sein, ob die Kirche aus ihrer derzeitigen finanziellen Polstersituation aufschreckt, wenn sie ihr gegenwärtiges System nicht mehr bezahlen kann.

    Dabei lohnt sich ein Blick auf die jüngste Studie der Universität Tübingen – mit einer repräsentativen Umfrage unter 7246 Schülern in Baden Württemberg:

    -       52 % gaben an, dass sie an Gott glauben und 39 % gaben zu, dass ihnen die Beziehung zu Gott wichtig ist.

    -       Bezüglich des Gottesbildes und der Gottesvorstellung ist fast die Hälfte der Befragten der Meinung, dass Gott jemand ist, mit dem man kommunizieren könne (47 %) und der Sicherheit und Halt gebe (49 %).

    -       Für 45 % der Befragten spielt Glauben im Alltag oder in schwierigen Situationen eine Rolle. 43 % halten Glauben in alltäglichen und besonders schwierigen  und nicht alltäglichen Situationen für wichtig.

    -       Rund drei Viertel der Befragten gaben an, dass es in ihrem Freundeskreis auch Angehörige anderer Religionen gebe.

    -       92 % stehen zu der Aussage: „Über das, was ich glaube, entscheide ich selbst!“ Darin spiegelt sich der hohe Grad der gesellschaftlichen Individualisierung – nun auch des Glaubens – wieder. Dahinter steckt das Bedürfnis nach einer Freiheit, in Glaubenssachen nicht – außengesteuert durch Kirche und Tradition – „überredet“ zu werden.

    Von dieser Situationsbeschreibung her haben Gemeinden, die großen Wert auf die Vielfalt von Resonanzen in Hauskreisen legen, größere Zukunfts-Chancen als die bisherigen Gemeindestrukturen in ihrer gewissen Einlinigkeit durch die Prägung von Pfarrer und Kirchengemeinderat.

    Wann wird die Zeit kommen, dass die Kirchen Rat suchen bei den Hauskreisen in Sachen „Resonanzfähigkeit“?

     

     

     

    X.

    Lassen wir dieses Kapitel abschließen mit einigen Sätzen von dem hellsichtigen und mutigen katholischen Theologen Eugen Drewermann:

    -       Wir leben im Zeitalter der vielen Fachleute. Unsere Welt ist so unübersichtlich, so kompliziert geworden, dass wir immer mehr Spezialisten brauchen, die ein Gebiet besonders gut beherrschen: Techniker und Wissenschaftler, Steuerberater und Ärzte ... Sie werden schon wissen, wo es lang geht - diese Meister des Lebens und seiner täglichen Anforderungen – ob sie nun in der Verwaltung sitzen oder an Maschinen, ob sie sich um unseren Körper oder unseren Seelenzustand kümmern oder um den Straßenverkehr...“

    Die Bibel erhebt dagegen Einspruch: Auch wir Christen sind Fachleute – wenn es nämlich um Gottes Mitarbeiter – um unser Mit-Sein mit Gott geht!

    Unser Leben ist nämlich wie eine Ellipse zwischen zwei Polen:

    1)      Da ist ein endlicher Pol: In seinem Bereich herrscht die Notwendigkeit. Hier sind wir mit unserer ganzen Aktivität gefragt. Hier gehen wir – nach dem Maß unserer eigenen Möglichkeiten – auf die Suche.

    2)     Und da ist ein unendlicher Pol: In seinem Einflussbereich sind wir irgendwie passiver in Anspruch genommen – im Ausschauen nach Gott und dem Maß seiner Möglichkeiten.

     

    Es kommt im Leben darauf an,

    -       inmitten des Herrschaftsbereichs der gesellschaftlichen und politischen Notwendigkeiten den Klang der Melodie der Tätigkeit Gottes – uns Menschen zugute- zu vernehmen

    -       und unser Handeln, unseren Lebensstil als „Gottes Resonanzkörper“, als Gottes Instrument für diese Welt zu begreifen und zu ergreifen.

     

    Ein (fast) ganz normales Hauskreistreffen: „Nichts geschieht doch einfach so – oder?

    „Im Resonanzgeschehen – wie dem eines Hauskreisabends – werden Glaubenschancen auf besonderem Wege geweckt!“ – Das war mein innerer Leitsatz beim Besuch dieser Gruppe.

    Kurz gesagt: Es wurde ein außergewöhnlicher Abend – dafür auch eine besonders spannende Bewegung! Das ist der Grund, warum sein Verlauf hier nur in einigen wenigen Erinnerungsteilen wiedergegeben wird.

    Zwei Impulse hatte ich nach telefonischen Vorgesprächen dazu mitgebracht:

    Zunächst eine kleine atmosphärische Einstimmung:

    -       Wir Menschen investieren viel Mühe und Fantasie in unser Leben, um etwas aufzubauen – etwas zu schaffen.

    -       Wir Menschen sind zugleich aber äußerst zerbrechliche Wesen. Es braucht nicht viel, um uns aus der Bahn zu werfen.

    -       Es reicht ein Besuch beim Arzt, eine erschreckende Diagnose, um uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. - Ein Beziehungsende reicht, um am Sinn unserer Existenz zu zweifeln. - Und es schmerzt uns unglaublich, wenn Lebensperspektiven, die wir mit viel Elan angepackt hatten, plötzlich scheitern.

    Alle Anwesenden nickten – ihr Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen: „Naja, die Christen brauchen halt immer für ihre Botschaft einen negativen Hintergrund!“ Und: „Ach ja, da fällt mir sofort aus meinem Leben ein dunkles Beispiel ein! – Man ist sich nie sicher, ob es plötzlich alles grausam wird!“

    Nun war ich gespannt, wie die Reaktion auf meinen nächsten Impuls sein würde.

    Nichts geschieht doch „einfach so“! (nach Gedanken von Jörg Zink)

    -       Was um uns her auch „einfach so“ geschieht – redet es uns nicht an?

    -       Alles, was wir „einfach so“ erfahren – will es uns warnen oder ändern?

    -       Was sich „einfach so“ ereignet – ist es uns Verlust oder Geschenk?

    -        Was oder wer uns „einfach so“ begegnet – will uns damit jemand herausfordern?

    Wir spüren in allem Leben einen Willen zum Dasein – und hören sein Echo in uns.

    -       Wir ahnen im Universum eine überlegene Vernunft – und spüren ihren Abglanz in uns.

    -       Wir hören in allen Menschen ein Du – es wartet auf unsere Reaktion!

    -       Wir freuen uns der aufgehenden Sonne – und  a l l e s  taucht in ein einladendes Licht – Unsichtbares durchstrahlt das Sichtbare aus einer anderen Dimension,

    durchzieht alles wie Musik und bringt uns zum Klingen!

    -       Es lässt eine Sehnsucht nach Schönheit in uns entstehen, die in der Welt nicht ganz erfüllt werden kann. – aber ihr Echo in uns gibt Brot unserem Ja zum Leben und auch zum Glauben!

    Tatsächlich. „Nichts geschieht doch „einfach so“ – man muss das nur entdecken!

    Wenn ich nun Gedanken hätte lesen können! Ich teilte ins allgemeine Schweigen zunächst einmal den Text aus.

    Eine mutige Stimme meldete sich.

    -        „Schön wär‘s!“ Und dann – auf Nachfrage:

    -       „Das kommt mir jetzt vor wie meistens direkt nach der Predigt im Gottesdienst: ‚Gut gesagt, Herr Pfarrer, schön gepredigt – alle Schwierigkeiten zum Schluss gut abgeschmiert! Aber mir bleibt nur ein Bedauern: Schön wär‘s!‘“

    -       Die Gedanken von Jörg Zink waren so schön – was sollte man da noch sagen?

    -       Da wartete man lieber, ob nicht der Nachbar sich hilfreich regen würde – und spätestens der Theologe und Gast alles auf einen „frommen“ Punkt bringen würde.

    So war es bald an der Zeit, meine Kopien an die Runde zu verteilen: „ich habe uns etwas mitgebracht, denn ich vermute, der letzte Satz ist das Schwierigste: ‚Man muss das nur entdecken!‘ Ich möchte Ihnen das Ganze noch einmal an diesem Bild deutlich machen: Können Sie mir sagen, was Sie da erkennen?“

    -       „Oh, das ist jetzt einfach: lauter rote Rosen!

    -       „Ja, aber mich stört dabei, dass sie nicht zu einem Strauß zusammen gebunden sind, sondern einzeln in Reih und Glied übers ganze Blatt verteilt sind.“

    -       „Wo doch so ein Rosenstrauß sonst ein Symbol für mehr oder weniger heiße Liebe ist. Hier scheint das eine in Ordnung erkaltete Liebe zu sein – oder, Herr Plinke?“

    „Nun, das Besondere in der Tiefe dieses Bildes haben sie offensichtlich noch nicht entdeckt?“

    Nun begann ein allgemeines ziemlich hilfloses Herumrätseln. Da half es auch nichts, als ich schließlich mit einem Schmunzeln weiter herausforderte: „Sie sehen bisher nur die Oberflächen. Versuchen Sie doch einmal, da hindurch zu schauen in die Tiefe dieses Bildes!

    Was folgte – ein verlegenes Schweigen – ein hilfloses Anstarren der Rosen auf dem Bild. Bis jemandem aus der Runde ein Licht aufging:

    -       „Jetzt ahne ich, was sie meinen: Es handelt sich um ein sogenanntes 3-D-Bild. Da muss man die Schärfe seiner Augen von der Bildoberfläche ablösen und sich – wie soll ich es jetzt so schnell erklären –auf den Hintergrund einstellen!“

    Nun ging eine Phase von Versuchen los. Jeder bewegte das Bild vor sich hin und her – mal mehr ans Auge, mal weiter weg - so intensiv, wie ich es noch selten in einem Hauskreis erlebt habe. – Bis jemand wohl zu seinem eigenen Erstaunen ausrief:

    -       „Jetzt – ja, jetzt kann ich es erkennen! Schaut doch: da ist ja ein Herz zu sehen hinter den Rosen, die vor meinen Augen unscharf und verschwommen geworden sind!“

    -       „Tatsächlich – wo du es jetzt sagst, kann ich es auch sehen: Ein 3-D-Bild mit den aufbereiteten Rosen auf einem verborgenen Herzen!“

    -       „Klar: Die Rosen auf dem Bild kommen sozusagen von Herzen – sind herzlich gemeinte Zeichen einer verborgenen – aber höchst wirksamen Liebe.“

    Aber nun meldete sich die Gruppe der Zweifler zu Wort:

    -       „Was bei Ihnen, Herr Plinke, jetzt so fein aufgeht – ich kann das Herz nicht erkennen“

    Das müssen Sie nun auch nicht verzwingen – es reicht, wenn sie sich weiterhin auf die Suche danach machen und sich dabei leiten lassen von der Möglichkeit:

    -       „Was wäre, wenn hinter dem, was ich oberflächlich sehe, im Verborgenen noch eine Tiefendimension der Liebe Gottes zu mir wirkt?“

    -       Was wäre, wenn ich diese verborgene Liebe Gottes mit meiner Umwelt teile? Das wäre ein toller Schlüsselgedanke für den Zutritt ins Glauben – oder?“

    -       „Und – wenn ich ehrlich bin – mich lädt der Schlüsselsatz ein, die Dimension göttlicher Liebe zu entdecken. Und er macht mir Mut, deren Wirkung mit den Mitmenschen zu teilen!“

    Der Teilnehmer in jener Protesthaltung blieb standhaft:

    -       „Ach, Sie mit ihrem „Möglichkeits-Glauben“ und seinem ‚Was wäre wenn!‘

    -       Ich kenne zahlreiche Menschen, die sagen, sie könnten nicht glauben. Aber sie schauen voller Sehnsucht auf Menschen, die sich davon haben anstecken lassen!

    -       Ich erinnere mich an den kürzlich verstorbenen Blacky Fuchsberger: ‚Ich kann an Gott nicht glauben – auch wenn ich doch alle Menschen beneide, die das können!‘“

    „Luise Rinser hat mir ein beeindruckendes Schlüsselwort für das Glauben geschenkt: Was sie vom Beten gesagt hat, das kann man wohl direkt auf das Glauben übertragen: „Glaube – und du wirst entdecken, dass das Glauben Sinn macht! – Anders als durch den Vollzug des Glaubens wirst du das nie erfahren!

    -        „Ach, als Kind habe ich das Lied besonders gerne gesungen: ‚Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land! Doch Wachstum und Gedeihen liegt ganz in Gottes Hand.‘“

    -       „Tatsächlich – was für eine Resonanz: Wir gehen tapfer an die Arbeit und Gott sorgt sich ums Gelingen! – Meine Frage ist nur: Ist das nicht zu einfach, zu kindlich?“

    -       „Nein, das ist gar nicht immer einfach! Ihr wisst, ich bin Arzt – stehe oft am Krankenbett und muss dem Patienten sagen: ‚Wir haben nun alles nach ärztlichen Möglichkeiten gemacht – ob das nun auch zum Gelingen führt, dafür können wir nicht garantieren, denn das liegt nicht in unserer Hand!‘ Und was soll ich sagen: Manchmal spreche ich das etwas zerknirscht in meiner Rolle als Arzt – oft aber auch bin ich froh, dass da noch eine weit wichtigere göttliche Hand ist als unsere!“

    „Nun – für manche Menschen ist eben jener Schlüsselsatz sehr hilfreich: ‚Was wäre, wenn Gott jetzt…!‘ Übrigens – solche Schlüsselsätze braucht, glaube ich, fast jeder für seinen Glaubensweg – zum Festhalten und Weitergehen unter dem Horizont Gottes! – Darf ich Sie fragen: Welcher innere Schlüsselsatz wirkt zur Zeit in uns?

    Ein erstaunlicher Erfahrungsaustausch schloss sich nun an:

    -       „Ich stelle mich jeden Morgen vor den Spiegel – zerknittert und vom Leben gezeichnet, wie mein Gesicht noch ist – und sage zu mir laut: ‚Ich erkenne Dich zwar kaum wieder – aber dennoch bist du ein Kind in der vollen Liebe seines himmlischen Vaters!‘ Und was soll ich sagen – einige meiner Falten scheinen sich dann direkt zu glätten!“

    -       „Und ich erinnere mich zur Zeit jeden Tag mehrfach an das Psalmwort: ‚Dies ist der Tag, den der Herr gemacht! Lasset uns freuen und fröhlich sein!‘ Das hilft mir! Dadurch gehe ich gespannter und neugieriger in das hinein, was kommt!“

    -       „Ich werde nur stark im Sinne des Glaubens Jesu, wenn ich abends vor dem Einschlafen ein kleines Glaubensbekenntnis für mich wiederhole, das ich einst in Amerika gehört habe: „Ich bin nicht, was ich habe – ich bin nicht, was ich zurecht bringe – ich bin erst recht nicht, was andere über mich sagen! Nein, ich bin ein geliebtes Kind Gottes. Und ich werde heute die Liebe Jesu mit der Welt teilen!‘“

    Und schließlich meldete sich noch jemand aus der Gruppe: „Ihr kennt mich seit vielen Jahren. Und ihr habt schon viel aushalten müssen, wenn ich immer wieder meine Glaubenszweifel angemeldet habe – besonders dann, wenn am Ende unserer Treffen wieder mal alles zu glatt aufgegangen war mit dem Glauben. Heute Abend habe ich gemerkt, dass ich dem Zweifel vielleicht zu viel Glauben geschenkt habe – mehr als Gott!

    -       „O, das klingt ja fast wie eine Beichte!“

    -       „Naja, nicht so stürmisch! Ich bin ja schon lange auf die Suche nach einem Bild von Gott, dem ich seine Liebe wirklich abnehmen kann. Wer weiß – vielleicht, dass mir das die vielen Farben meines Lebens neu eröffnet.“

    -       Und er fügte hinzu: „Ich glaube, ihr könnt mir dabei helfen, weil ihr es schon so lange mit mir Bruddler aushaltet!“

    Nach solch einer Abschlussrunde in 3-D-Resonanz musste ich nichts Weiteres mehr hinzufügen – oder?!

     

     

    Kapitel 5: „Vom Blindflug an der Seite Gottes“

     

    I.

    Wir Menschen investieren viel Mühe und Fantasie in unser Leben, um etwas zu schaffen – etwas aufzubauen – und dazu gehören für viele auch so etwas wie Glaubensgebäude.

    Spätestens aber, wenn unsere Lebens- und Glaubensperspektiven scheitern, dann meldet sich aus der eigenen Irritation heraus die Frage:

    -       „Ist Gott es wert, eine je und je neue Suche nach ihm aufzunehmen?“

    -       „Ja, hat all mein Glauben denn überhaupt noch einen Wert?

    Spätestens dann geht es um den „Mehrwert des Glaubens“!

     

    II.

    Von Thomas Halik – tschechischer Soziologieprofessor, Religionsphilosoph und röm.-kath. Priester, bin ich mit einem Gedankenexperiment vertraut gemacht worden, das in die Philosophie als die berühmte „Pascal‘sche Wette“ Eingang fand:

    -       Es sei stets eine bessere Hypothese, an Gott zu glauben, weil der Erwartungswert des Gewinns, der durch Glauben an einen Gott erreicht werden könne, stets größer sei als der Erwartungswert im Fall des Unglaubens.

    Und er schlussfolgert daraus für den ganzen Vorgang des Glaubens:

    -       „Ist nicht auch für einen Gläubigen der Glaube eine Annahme (Hypothese), die er dann fortwährend in seinem Leben bewähren muss, die jedoch den Zweifeln und den kritischen Fragen ausgesetzt bleibt“?

    -       „Gott wohnt in der jeweils besseren Möglichkeit!

    -       Wer den Salto in diesen Möglichkeits-Raum wagt, verwandelt sein ganzes Leben in ein „religiöses Experiment“.

    Unter diesem Blickwinkel wird so etwas wie ein „Mehrwert des Hauskreises“ einleuchtend:

    Spätestens dann, wenn einem sein bisheriges Glaubensgebäude unter einer schweren Lebenslast zerbröselt,

    -       braucht man Menschen um sich, die es mit einem bei Zweifel und Verzweiflung tapfer aushalten

    -       die ihr Glauben neben einem her weitertragen, ohne einen zu nötigen, es ihnen gleich zu tun.

    -       Die einem selbstlos und freundschaftlich anbieten: „Lass uns einfach neben dir für dich mit glauben!“

    Gesegnet seien die zahlreichen Hauskreise, die es ihren Teilnehmern erlauben, wie bei einem Blindflug neben ihnen her zu existieren, ohne das Miteinander der christlichen Gemeindegruppe verlassen zu müssen!

    Fazit: „Für mich liegt immer im Glauben eine Kraft bereit, um schwierige Situationen dann als Einladung und Herausforderung Gottes anzunehmen!“ (nach Thomas Halik)

     

    III.

    Damit tangiert Halik eine „Mehrwert–Erfahrung des Glaubens bei Paulus“. Im Rückblick auf seine bisherigen Glaubenserlebnisse bringt es Paulus ganz präzise auf den Punkt:

    „Wir sind von allen Seiten bedrängt – aber wir ängstigen uns nicht!

    Uns ist bange – aber wir verzagen nicht!

    Wir leiden Verfolgung – aber wir werden nicht verlassen!“ (2.Kor 4,8-9)

    Wie das? Was ist da dem Paulus geschehen?

    -       Er und seine Anhänger wurden schwer bedrängt – trotzdem gerieten sie nicht in fassungslose Ängste.

    -       Ihre Lage schien aussichtslos – trotzdem verzagten sie nicht in ihrer vermeintlichen Aussichtslosigkeit.

    -       Meinten auch manche, sie seien von Gott und der Welt verlassen – aber in der Kraft des Glaubens rechneten sie damit, dass Gott und durch ihn auch Menschen zu ihnen stehen werden.

    Es war dann wohl wie bei Jesus einst:

    -       Er ist in das Leben der Leute eingetaucht – hat ihre Not gesehen – und „es jammerte ihn!“

    -       Gott hat sich dadurch berühren lassen!

    Das Glauben bedeutet also nicht, dass uns an Gottes Seite nichts passieren könnte.

    -        Das Glauben bedeutet nicht die Abwesenheit von Not und Leid!

    -       Aber im Vollzug des Glaubens geschieht schließlich etwas, was man mit dem Wachsen einer neuen Lebendigkeit umschreiben kann.

    Solch neue Lebendigkeit ereignet sich  i n  uns Menschen – sie hat aber ihr „Woher“  v o n   a u ß e r h a l b. Und Glaubende, die Ähnliches durchlebten, konnten dieses „Woher“ in etwa so benennen: „Es war mir, als hätte Gott selber zu mir gesprochen – persönlich an mir gehandelt!“

     

    IV.

    Die Erfahrungs-Aussage von Paulus über sein Glaubensleben enthält einen weiteren Hinweis auf so etwas wie den Mehrwert aus dem Glauben – eine wichtige Unterscheidung, auf die ich durch den nordelbischen Pastor Mumssen aufmerksam wurde:

    Jedes Leid und jede Not will uns eine doppelte Last auflegen:

    Wenn einer im Rückblick auf sein bisheriges Leben recht drastisch sagt: „In meinem Leben – da hab‘ ich eigentlich immer nur die Arsch-Karte gezogen!“ – dann legt er seinem Lebenslauf eine doppelte Last auf:

    -       Da sind die schweren Zeiten, die er hat durchleben müssen.

    -       Und da ist für die Zukunft die schwere Last einer vermeintlichen Gewissheit, dass das mit der Arschkarte sich immer wieder schicksalhaft wiederholen wird.

    Für Paulus ist das nicht nur eine revolutionäre Botschaft gewesen – sondern eine gelebte Erfahrung geschenkten Freiraums:

    -       Er spricht dort, wo Jesus vom „Reich der Möglichkeiten Gottes“ redet, davon, dass eine neue Wirklichkeit spürbar ist, die alle bisherigen Grenzen zwischen den Menschen überwindet.

    -       „Nun hat es keine Bedeutung mehr, ob man Jude oder Heide – Mann oder Frau – reich oder arm – Sklave oder Freier ist! Nein: In Christus sind wir alle eine neue Schöpfung.

    Seht doch: das Alte ist vergangen – alles in Euch und um Euch herum ist in neuer Weise möglich geworden!“

    Sicher löst das allein noch nicht jeden Konflikt in Wohlgefallen auf. Aber unter der Regie Gottes wird es anders sein, als wir jetzt befürchten – in der Stunde der Not wird er tätig bei uns sein und uns durchhalten zu immer neuer Kraft aus neuer Zuversicht!

     

    V.

    Der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer wartete kurz vor Kriegsende in seiner Todeszelle auf die Hinrichtung. Ihn trug auch durch solche Umstände, was er wenige Monate zuvor in Verse gefasst hatte:

    Von guten Mächten wunderbar geborgen – erwarten wir getrost, was kommen mag:

    Gott ist mit uns am Abend und am Morgen – und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

    Noch will das alte unsre Herzen quälen – noch drückt uns böser Tage schwere Last.

    Ach Herr, gib‘ uns’ren aufgescheuchten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

    Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.

    Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

    dann woll’n wir des Vergangenen gedenken – und dann gehört dir unser Leben ganz.

    Und wenn sich Stille tief um uns ausbreitet, so lass uns hören jenen vollen Klang

    der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lebgesang!

    Von guten Mächten wunderbar geborgen – erwarten wir getrost, was kommen mag:

    Gott ist mit uns am Abend und am Morgen – und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

     

    VI.

    Glauben ist nicht einfach! Das spürt man besonders krass und brutal dann, wenn ein Problem da ist – aber sich keine Lösung vom Glauben her öffnet? Dem Problem des Schweigens Gottes sind wir im Raum des Glaubens immer wieder ausgesetzt.

     

    Ein (fast) ganz normales Hauskreistreffen: „Blindflug an der Seite Gottes!“

    Wenn ich mich recht erinnere – es war wohl ein Hauskreis ganz in der Nähe von Schorndorf. Ich war eingeladen – zu meiner Verwunderung ohne die sonst übliche Bitte um ein Thema oder die Nennung eines internen Hauskreis Problems – also Signal für einen sogenannten „ HauskreisTÜV“. Also konnte ich mich vor meinem Besuch auf nichts oder alles einstellen – und das war dann auch gut so, wie sich ganz schnell herausstellte.

    Vor mir auf dem Tisch in der Mitte der Runde meist noch jüngerer Teilnehmer war nichts gedeckt – auch kein Blumenschmuck machte es feierlich. Wir hatten uns stattdessen um eine Mappe versammelt – in Leder eingebunden – etwas Besonderes verheißend.

    -       „Herr Plinke, das ist unser besonderer Schatz im Hauskreis!“ Mit diesen Worten ging der Leiter dieser Abendrunde gleich ganz zentral zur Sache!

    -       Und sein Nebensitzer ergänzte mit auffallend feierlicher Betonung: „Das ist unser Gebetstagebuch – seit mehreren Jahren führen wir es schon!“

    Mein Erstaunen war sicherlich bei jedem spürbar: „Ja, so etwas habe ich ja bisher noch in keinem Hauskreis angetroffen – ein Tagebuch mit so vielen Gebeten? – Da macht mich aber gespannt, wie Sie damit umgehen!“

    -       „Ja, bei jedem Treffen wird es aufgeschlagen, um nachzuschauen nach den letzten Einträgen. Sie werden noch einmal laut vorgelesen. Dann fragen wir in der Runde, ob sich irgendetwas in der Zwischenzeit zum Positiven hin bewegt hat.“

    -       „Und wie Sie sich denken können: Manchmal gibt es etwas zu feiern – häufiger aber beschließen wir, still und ergeben dran zu bleiben, also weiter zu beten für unser Anliegen!“ – So ein weiterer Teilnehmer mit leichtem Bedauern in seiner Stimme.

    Dieser Stimmung wollte ich gerne etwas aufhelfen, zumal ich von dieser Idee ganz begeistert war und neugierig, Näheres über dieses Projekt zu erfahren.

    -       „Wissen Sie, irgendwann waren wir uns in der Gruppe einig, dass uns irgendetwas an den Gebeten am Sonntag im Gottesdienst regelmäßig störte. Und schnell war uns klar: Die Formulierungen vom Altar her konnten ja immer nur ganz allgemein sein – so allgemein gefasst, dass sich möglichst viele der 20 bis 100 Gottesdienst-Besucher irgendwie darin wieder finden konnten.“

    Eine Teilnehmerin war schon beim bisherigen Gespräch immer engagierter geworden:

    -       „Wissen Sie, was mich am meisten aufgeregt hatte: Da hatten wir am Sonntag zuvor in tollen Formulierungen ein Anliegen vor Gott gebracht. Und dann – den Sonntag drauf – da wurde überhaupt nicht mehr Bezug darauf genommen! Keine Nachfrage, ob das Beten der Sonntagsgemeinde irgendetwas weitergebracht hat.“

    -       „Stattdessen wurden dann neue Anliegen „aufgetischt“ – verstehen Sie: Die alten Anliegen - als ob sie schon etwas angestaubt wären, mit frischen Problemanzeigen überdeckt!“

    -       „Sie als Pfarrer – haben Sie dabei auch schon manchmal ein Unbehagen gespürt? Oder ist das Beten für die Kirche schon zu sehr zur Routine geworden?“

    Ihrem Ehemann daneben schien die leicht angriffslustige Formulierung seiner Frau schier peinlich zu sein. Ich konnte ihn schnell beruhigen: „Ach wissen Sie – in unserer Kirche gibt es viele Traditionen, bei denen es gut wäre, sie einmal zu hinterfragen.“

    -       „Wissen Sie, was unserer Familie im Urlaub immer besonderen Eindruck macht? Wenn wir in einer Kapelle – meist ist es eine katholische – an irgendeiner Tafel kleine Gebetszettelchen finden, ganz persönlich formuliert und doch für die Öffentlichkeit bestimmt – eine tapfere Einladung zum Mitbeten sozusagen!“

    Nun wollte ich noch etwas Öl ins Feuer gießen: „Ja, da haben Sie bestimmt ein Gespräch mit dem Kirchengemeinderat gehabt – oder?“

    -       „Naja, wir sind halt auf sehr viel Vorbehalte und Zurückhaltung gestoßen: Manche fanden, solche rein persönlichen Gebete gehörten nach der Bibel eher ins ‚stille Kämmerlein‘!“

    -       „Und mir hat jemand gesagt: ganz offen und ehrlich – so viel persönliche Frömmigkeit in die Öffentlichkeit getragen, das würde unsere Gemeinde ganz schnell spalten!“

    -       „Naja, ich wusste ja, dass er kirchlich ganz liberal eingestellt ist! – Hauptsache, es ist was los in unserer Gemeinde und möglichst jeder ist damit einverstanden – so sein Motto bei der letzten Wahl zum Kirchengemeinderat!“

    Ich merkte, jetzt wird es heiß in unserer Runde. Ich überlegte kurz, was dem Gesprächsklima dieses Abends jetzt gut täte: „Ja, dann sind Sie also alle miteinander vor den Mächtigen in ihrer Gemeinde aufgelaufen?“

    -       „Ha, so schnell wollten wir nicht aufgeben. Deshalb haben wir unserem Pfarrer eine leere Mappe – eben diese da auf den Tisch vor uns – überreicht mit der Bitte, sie in einer Ecke unserer Kirche aufzulegen für eventuelle verborgene persönliche Gebetsanliegen von Gemeindegliedern.

    -       Ja, aber auch das wurde uns abschläglig beschieden – mit der Notiz, man kenne einander in der Gemeinde doch so genau, dass jeder ganz schnell wüsste, wer das geschrieben hat. Die notwendige Anonymität wäre dadurch nicht gewahrt!“

    -       „Ja, Herr Plinke, und so liegt unsere Gebetsmappe nun immer in unserer Mitte auf dem Tisch und steht uns Woche um Woche zur Verfügung.“

    „Na, da kann ich Ihnen ja nur gratulieren – und Ihrer Gemeinde auch! Denn ich nehme mal an, dass Ihnen der ein oder andere im Ort seine besonderen Gebetsanliegen anvertraut – oder?“

    Ich merkte zu meinem Erstaunen, dass jeder sich in der Runde ein wenig zu ducken begann:

    -       „Also, nach unseren negativen Erfahrungen mit der Gemeinde halten wir unsere Gebetsaktion im Stillen ab. Das ist doch verständlich, oder?“

    -       „Dazu muss ich aber nun der Ehrlichkeit halber doch noch hinzufügen: Wir haben auch noch aus anderem Grund Scheu, mit unserer Gebetsmappe an die Öffentlichkeit zu gehen! Was meint ihr – soll ich es nennen?“

    Nach kurzem allgemeinen Schweigen ein gemeinschaftliches Kopfnicken:

    -       „Um ganz offen zu sein: Wir wollen uns auch nicht blamieren! – Wieso? Ganz einfach: Was sollen die Leute denken, wenn unsere Gebetsanliegen nicht zu dem Ziel führen, wofür wir gebetet haben?“

    -       „Ja, kommt da nicht das christliche Glauben insgesamt zumindest ein wenig in Verruf?“

    -       „Und die, die schon immer am Glauben gezweifelt haben, nehmen das als gefundenes Fressen für ihre Kritik an der Kirche!“

    -       „Ach was, ich hab euch dazu schon oft gesagt, was ich vor einigen Jahren in Amerika als Motto gehört habe. Ein mitreißende Prediger hat es ganz einfach formuliert: „It’s our job to pray – but it’s Godsjob to heal!“ - Also: Unsere Aufgabe ist es zu beten – Gottes Aktion ist es, auf seine Weise zu heilen! Alles andere betrügt die Gemeinden um die Möglichkeiten und Kräfte des Glaubens!“

    Kann man sich vorstellen, dass es an diesem Abend noch hoch her ging in jenem Gebets-Hauskreis? Manche Einzelheiten wir nicht mehr in Erinnerung – aber die theologisch biblische Sache, um die es ging, hat mich seither nie mehr verlassen. Und das alles hat mich stolz werden lassen auf solch tapfere Hauskreise!

     

    VII.

    Vor einiger Zeit habe ich in einem Hauskreis jemanden provozierend sagen hören: „Ich kann nicht an Gott glauben – ohne mich abzusichern! – Fragt sich nur wie?“

    Das wäre eine Hauskreisrunde wert, die unter dem Eindruck dieser Äußerung gewiss mit großem existenziellem Engagement reagieren würde:

    -       Ist das der Ausspruch eines Atheisten?

    -       Oder spricht so ein Mensch mit Glauben?

    Die Vorstellung, dass unser aller Leben von unberechenbaren Ereignissen geprägt wird, ist ein ziemlich verstörender Gedanke. Wir lieben es, „alles im Griff zu haben“! Denn insgeheim gehen wir alle davon aus, dass die meisten Dinge in unserem Leben grundsätzlich planbar – zumindest voraussehbar – sind. Oft passiert aber das genaue Gegenteil:

    -        Doppelt so viel Gehalt bringt nicht immer doppelt so viel Glücklich-Sein.

    -        Drei Tage Kurzurlaub werden nicht dreimal so schön wie nur ein Ferientag.

    -        Sogar bei unseren doch so hoch anerkannten „Göttern in Weiß“ – den Ärzten – kann man folgendes beobachten:

    -        Wenn sie auch noch so genau gemäß ihren Therapiezielen die notwendigen Medikationen – oder gar eine OP – eingesetzt haben, können sie ehrlicherweise keine Garantie dafür übernehmen, dass sie mit ihrem ärztlichen Einsatz auch tatsächlich zum gewünschten Ergebnis kommen.

    -        Originalzitat: “ Wir haben unsere ärztliche Kunst eingesetzt nach bestem Wissen und Gewissen – ob sie allerdings erfolgreich ist, können wir nicht garantieren – darüber haben wir letztlich keine Macht!“

    Die Unberechenbarkeit – oft auch als Zu-fall deklariert – ist die große Unbekannte unseres Lebens!

    In der Regel haben wir eine Abneigung, uns unberechenbaren Wirksystemen wie auch dem Glauben oder gar dem Beten anzuvertrauen.

    Die Angst, Fehler zu machen, zielt ins Mark eines jeden Menschen – auch eines Christen – besonders, wenn man „heilsames Beten“ in der Gemeinde anbietet.

    -       Was, wenn es nicht zu einer Gebetserhörung kommt?

    -       Was, wenn das Beten die Notsituation nicht verändert?

    -       Was, wenn jemand durch enttäuschende Erfahrungen mit dem heilsamen Beten aus seinem Vertrauen zu Gott herauskatapultiert wird?

    Das heilsame Beten mit seinem offenen Ausgang fällt uns deswegen so schwer, weil wir nicht verstehen, worauf es hinausläuft und was dabei im Verborgenen abläuft. Und wir haben eine sehr starke Abneigung, herauszufinden, dass wir uns eventuell getäuscht haben könnten.

    -        Je mehr wir uns einem Vorgang wie dem Beten mit seinem unberechenbaren Ausgang ausliefern, desto tiefer trifft uns dann auch ein eventuell unbefriedigendes Ergebnis:

    Wir werden unsicher:

    -        Herrscht nun doch so etwas wie Zufall?

    -        Oder lässt Gott uns etwas zufallen, was für uns besser ist als das, was wir wünschten?

     

    VIII.

    In theologischen Kreisen bei uns in Deutschland ist man selten geneigt, solche Gedanken weiter zu führen. Man scheut allgemein die Frage in der Kirche: „Wovon hängt es ab, ob ein Gebet „erhört“ wird?“ – dass also die Absicht des Gebetes zu einer Art Erfüllung gelangt?

    Gewiss:

    -        Gebete können wirken wie Placebo–Medikamente. Schon durch das intensive Berührtsein von dem, was man sich von ganzem Herzen gewünscht – eventuell unterstützt durch die Berührung einer segnenden Hand – kann es zur Anregung menschlicher Selbstheilungskräfte kommen.

    -        Und was, wenn da jemand zwar ein Anliegen hat, seine Persönlichkeitsstruktur aber zu „nüchtern“ – seine inneren Zweifel gegenüber dem Reich göttlicher Möglichkeiten zu stark sind?

     

    Dazu wurde vor vielen Jahren eine interessante Studie aus den USA veröffentlicht – sie ist nicht nur in charismatischen Kreisen, sondern auch in Europa verbreitet worden. (1988 an der Uni in St. Francisco durch Professor Bird, einem Kardiologen, angefertigt – ergänzt durch Professor Julian Harris). Dabei handelte es sich um einen doppelten Blindtest:

    -        In einer kliniknahen Kirchengemeinde fand sich eine Gruppe von engagierten Betern bereit.

    -        Nur die Hälfte der Patienten kannten sie mit Vornamen und dem ersten Buchstaben des Nachnamens.

    -        Die Hälfte der Patienten, für die gebetet wurde, war in diese Aktion nicht eingeweiht.

    -        Für die andere Hälfte der Personen wurde nicht gebetet.

    -        Die Ärzte, die die insgesamt 130 Patienten dieser klinischen Versuchsreihe behandelten, wussten von diesem Projekt nichts.

    -        Keiner wusste von Absicht und Verlauf – außer den Betern der Kirchengemeinde und einem kleinen PC.

    Die Gruppe der 65 Patienten, für die gebetet wurde,

    -        brauchte im Vergleich zur Gruppe der anderen Herzpatienten fünfmal weniger Antibiotika.

    -        Sie war dreimal weniger gefährdet, Lungenödeme zu entwickeln.

    -        Besonders signifikant: Weniger von ihnen sind gestorben.

    Ein ärztlicher Kollege – ein Skeptiker – untersuchte die Tatsache, dass es sich ja um „Ferngebete“ gehandelt hat, und fand seinerseits heraus, dass selbst eine solche Art eine messbare Verbesserung des Gesundheitszustands von schwer kranken Patienten ermöglicht.

    Seine humorvolle Schlussfolgerung: Den Kollegen ist zu raten, auch wenn sie die Gebetswirkung nicht verstehen, auf ihre Rezeptblöcke zu schreiben: „Dreimal täglich Gebete einnehmen!“ Sein Motto von da ab: „It’s our job to pray – but it’s only God’s job to heal!“ (Es ist unsere Aufgabe zu beten – aber es ist allein Gottes Aufgabe zu heilen!“)

     

    Trotz solcher weitverbreiteten Bedenken habe ich mich seit der Vikarszeit immer wieder für die Installierung und Durchführung von Segnungsgottesdiensten eingesetzt. Die ermutigenden Resultate haben mich immer mehr beeindruckt als intellektuelle Zweifel.

    Ich habe mich dann in meiner Tübinger Kirchengemeinde einst auf diese Spur begeben und kann sie in der Tendenz aufgrund meiner oft erstaunlichen und wunderbaren Erfahrungen nur bestätigen! Darüber könnte ich hier noch mehrere Kapitel hinzufügen!

    Das Beten – auch wenn wir sein Wirken nicht verstehen - bewirkt bisweilen einen erstaunlich heilsamen Unterschied.

    Aber: Sich im „heilsamen Beten“ auf Gottes Wirksamkeit einzulassen, ist in gewisser Weise wie ein „Blindflug an der Seite Gottes“.

     

    Etwas angelsächsisch zurückhaltender – aber mit gleicher Intensität – drückt es seit mehreren Jahrzehnten Prof. Walter Hollenweger im Blick auf Erfahrungen mit Kranken-Abendmahlsfeiern, Segnung und Salbung in England aus:

    „Unter dem Gebet der Gemeinde geschieht etwas. Wir wissen nicht, was geschieht. Darum versprechen wir den Kranken nicht, dass ihre Wünsche nach Heil und Heilung in Erfüllung gehen.

    -        Vielleicht erfahren sie Heilung von ihrer Krankheit.

    -        Vielleicht erfahren sie, dass sie ihre Situation besser ertragen können.

    -        Vielleicht erfahren sie Erquickung bis ins Sterben hinein.

    Nur dies eine ist sicher: Unter dem Gebet der Gemeinde geschieht etwas! ( in: Burghard Krause, Schneckenhaus, S.272)

     

    IX.

    Gott mutet uns bisweilen zu, ohne eindeutige Zeichen seiner Aktivität zu leben!

    Das Glauben deutet solche Erfahrungen als „Schweigen des verborgenen Gottes“!

    Der Vorgang des Glaubens beruht – auch für Hauskreise und andere christliche Gemeindegruppen – auf einer Annahme göttlicher Aktivität, die sich im Vollzug der menschlichen Lebenserfahrungen immer wieder bewähren muss.

    -       Sonst müsste man sich nicht in christlichen Miteinander-Gruppen regelmäßig versammeln.

    -       Sonst genügten öffentliche Bekanntmachungen des gültigen Glaubens.

    Thomas Halik formuliert: „Die markanteste geistliche Erfahrung im Prozess des Glaubens ist die der Verborgenheit oder gar Abwesenheit Gottes.“

    -       Die Neuzeit hat zu viel über Gott gewusst. Wir müssen heute mehr Raum für das Schweigen Gottes und unser Schweigen vor dem Geheimnis Gottes finden.

    -       Die Aufklärung hat (…) das Natürlich-Plausible als das allein Wirkliche definiert. Dann wird das Übernatürliche zum „Reich der Poltergeister und anderer Märchenfiguren“, an die man natürlich nicht ernsthaft glauben kann.

    -       Wenn man Gott in solcher gesellschaftlicher Gesinnung vermutet, ist es nur zwangsläufig, zu sagen: „Es gibt keinen Gott!“

    Spiegelten sich in den Göttervorstellungen der Antike Erfahrungen der Un b e  rechenbarkeit und Launenhaftgkeit des Lebens wieder, so wird die Glaubensentfaltung der Christen geprägt durch Erfahrungen, dass Gott sich in gewisser Weise un v e r rechenbar gegenüber menschlichen Wünschen und Vorlieben verhält.

    -       Damit ist der christliche Glaube primär ein Weg des permanenten Suchens und Findens – und keine ein für alle Mal festfixierte Ideologie, die man bei Bedarf und Anlass „aus seiner Hosentasche“ hervorkramen kann!

    -       Damit geht es im Hauskreisgeschehen vorrangig auch um einen Austausch von Erfahrungen mit der Verborgenheit Gottes.

    -       Mit dem Schweigen Gottes sind auch die verschwiegensten Glaubenden – zumindest heimlich und vor anderen verborgen – konfrontiert.

     

    X.

    Wenn es Gott gibt, ist er auch in der Tiefe (seiner Verborgenheit) zu finden.

    Jesus hat uns in seinem Todesschrei am Kreuz genau dorthin geführt.

    Und diese göttliche Verborgenheit ist anzuerkennen, ernst zu nehmen und durchzuhalten!

    Die Bibel hat das Erleben der Verborgenheit Gottes im dramatischen Geschehen zwischen Karfreitag und Ostern verdichtet und plötzlich besiegelt

    -        - zwischen „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

    -        - und der Neugestaltung von Jesu Lebendigkeit am Ostermorgen.

    -        Christen glaubten und glauben bis heute, weil sie in das Geheimnis von Christi Passion, Tod und Auferstehung  h i n e i n g e z o g e n  sind und in dieser Geschichte eine Wahrheit über Gott und sich selbst je und je neu finden, die größer ist, als sie sich bis dahin vorstellen konnten.

     

    -        Elie Wiesel, Schriftsteller, überlebte den Holocaust. Seine vielen Erinnerungen an das Grauen im KZ gipfelt in der Erzählung vom Galgentod eines Jungen: „Mehr als eine halbe Stunde hing er und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm dabei ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeischritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich einen Mann fragen: ‚Wo ist Gott?‘ Da hörte ich eine Stimme tief in mir antworten: ‚Dort – dort hängt er, am Galgen!‘“

    -         

    Im Nachhall von Jesu Einsamkeits-Gebet am Kreuz, in dem alle enttäuschten Erwartungen an Gott unter uns Menschen wie in einem Brennglas versammelt sind, müssen wir Christen zum ehrlichen Eingeständnis finden,

    -        dass auch unser Glaube immer wieder in seinem Mark getroffen und bedroht wird durch Erfahrungen, in denen Gott nicht als unser himmlischer Problemlöser in Erscheinung tritt

    -        dass wir in dieser Situation der Einsamkeit in Beziehung zu Gott versucht sind, „dann eben die Dinge und Gotteserklärungen selber in die Hand zu nehmen und damit Gott durch unsere mitmenschlichen Problemlösungsversuche auf die Sprünge zu helfen!

    In der Bibel können wir nachlesen, wo es hinführt, wenn wir Gott in die Rolle eines vorzeitigen reinen Problemlösers hinein zwingen wollen – zu dem drastischen Versuch und der Versuchung von Abraham und seiner Frau Sara, wenigstens mithilfe der Magd einen Sohn in die Welt zu setzen, weil Gott mit seiner Hilfszusage eines Isaaks so unerträglich lange auf sich warten lässt.

     

    XI.

    Es braucht Mut, in das Geheimnis dieser Verborgenheit einzutreten – keine Gottesbeweise können uns dabei helfen!

    Was wir dazu brauchen, ist so etwas wie „in Geduld die Verborgenheit Gottes aushalten“.

    Es ist nicht der Gottesdienst – es ist die kleine, vertraute Gemeindegruppe, in der so etwas wie „Resilienz im Glauben“ – „Widerstandsfähigkeit gegen Verzweiflung“ eingeübt und durchgehalten wird!

    -        Gottesdienste können allenfalls von der Geduld im Glauben predigen – die Geduld in der Verborgenheit Gottes durchhalten, dazu braucht es Menschen, die den gepredigten Weg persönlich und konkret mitgehen!

    -        Von daher lassen sich Hauskreise verstehen als praktische Konkretisierungen theoretischer Predigten!

    -        Von daher vernachlässigen Gemeinden einen wichtigen Schatz des Glaubens, wenn sie ihre häuslichen Gemeindekreise vernachlässigen!

    Und wenn einem Mitglied einer christlichen Gruppe der Mut und die Kraft zum Weiter-Glauben verloren geht, dann wirkt es am überzeugendsten, wenn diejenigen, die es schon so lange mit einem ausgehalten haben, versichern: „Wir bleiben bei dir – du gehörst auch weiter zu uns! Und wenn es dir recht ist, dann glauben wir einfach in nächster Zeit für dich mit!“

    -       Das gilt vor allem angesichts jener Christen, die mit Enthusiasmus und Ekstase auf das Schweigen Gottes antworten – reagieren, (um den eigenen Schmerz über das göttliche Schweigen im eigenen Gefühlsüberschwang auszuschwemmen).

    -       Das ist genauso abzulehnen wie die konservativen Traditionalisten, die das Schweigen Gottes existenziell ausblenden, indem sie einfach das Gefühl der religiösen Sicherheit in der Wiederholung von alten Formeln und Formen suchen.

    Wer meint, mit seinen Antworten den Gesprächspartner auf den „richtigen“ Weg bringen zu müssen, läuft Gefahr, den Fragenden den Weg zu eigener Antwort und zu einem persönlich gefundenen Glauben zu verbauen.

    Christliche Gemeindegruppen sind auf ihre besondere Weise auch bereit für ein Problem, für das von Gott her derzeit keine Lösung in Aussicht ist!

    Sie verantworten das in ihrer „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“. (E.Jüngel)

    Sie können die Verborgenheit Gottes nicht aufheben – und doch können sie uns gerade dann erfahren lassen, inwiefern Gott uns in der Begegnung mit anderen nahe kommt.

     

    XII.

    Es geraten bisweilen erhellende Predigten in den Verdacht, der Verborgenheit Gottes nicht voll gerecht zu werden.

    -       Alles zielt auf vorschnelle – weil die individuelle Lebensproblematik nicht mit aufnehmende -„überredende Harmonisierung in Richtung Glauben (was verständlich ist, solange von jeder Predigt die Gemeinde ja zum Abschluss eine gute Abrundung des Glaubens erwartet).

    -       Es „lauert“ in jedem Glaubenswagnis die Möglichkeit, auf schroffe Weise mit der Verborgenheit Gottes persönlich konfrontiert zu werden!

    -       Dann würde allenfalls ein Austausch auf gleicher Augenhöhe von Erfahrungen mit der Verborgenheit Gottes helfen – eventuell in Form von kleinen „Murmelgruppen“ in den Kirchenbänken – mit der Möglichkeit zu Rückfragen an den Prediger.

    -       Aber das Empfinden der meisten Kirchgänger ist dafür noch nicht reif.

    Im Horizont solcher Erfahrungen im Miteinander christlicher Kleingruppen kann ein neues Verständnis von Theologie und Kirche bzw. Gemeindeaufbau entstehen!

    -        Wo finden wir anhaltende Bereitschaft zur Öffnung für ein Problem, für das in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft keine Lösung in Aussicht ist?

    -        Da sind ganz elementar Hauskreise gefragt, sofern sie sich miteinander immer auch verstehen als gemeinsam  S u c h e n d e  nach Gott und nach Lebenserfüllung. „Fromme Rechthaberei und eilfertige Besserwisserei“ haben in solchen Hauskreis-Phasen noch weniger recht als sonst!

    Wir können gespannt sein, wann in unserer Kirche die Tage kommen, in denen man sich angesichts schwindender Mitgliederzahlen endlich an die Hauskreise wendet als Spezialisten in Sachen „praktische Resilienzerfahrungen“ im Dschungelgefühl der Verborgenheit Gottes.

     

    -   Gott mutet uns bisweilen zu, ohne eindeutige Zeichen von ihm das Glauben weiterzuleben.

    -   Hauskreise bieten den Raum, miteinander so etwas wie „hoffnungsvolle Geduld mit Gott“ einzuüben, indem sie auch die Verborgenheit Gottes und sein Schweigen existenziell ernst nehmen und im Miteinander aushalten!

    -   Ansonsten werden wir Christen kaum imstande sein, jene stille Musik des Schweigens Gottes wahrzunehmen und auszuhalten - da mag die Orgel auch noch so laut wie vom Himmel herab tönen!

     

     

    XIII.

    Ganz praktisch und persönlich – wie es sich unter Hauskreisfreunden vieltausendmal bewährt hat – möchte ich schließen:

    Was wäre aus meiner Frau und mir geworden ohne Verbindung zu unseren früheren Haus- und Gemeindekreisen, die zwar in den letzten 15 Jahren in alle Himmelsrichtungen sich örtlich verändert haben, aber bereitwillig und nachhaltig uns im Gebet und in Gedanken begleitet haben die ganzen letzten anderthalb Jahre hindurch!

    -       Im Zentrum unserer Sorgen stand unser Enkelsohn, bei dem wir schon vor seiner Geburt wussten: Er wird nur mit einem „halben Herzen“ sein Leben finden oder uns verloren gehen.

    -       Eine quälend lange Zeit zwischen Hoffen und Verzweiflung - und auch Zweifeln an dem Gott des Gelingens – haben wir miteinander durchgemacht.

    -       Denn immer wieder stand es mit seinem Leben auf der Kippe – und immer auch prägte das Leiden an der Verborgenheit Gottes!

    -       Durch acht Operationen hindurch – zwei davon währten 7 Stunden – wurde unser Glauben schier zerbröselt zwischen Grauen, Verzweiflung und gefühlter Gottverlassenheit!

    -       Ein Dreivierteljahr lang haben die Ärzte auf der Intensivstation ihr Bestes gegeben – oft versehen mit der Bemerkung: „Wir haben jetzt alle unsere Kunst eingesetzt! Für das Gelingen, dass es wirklich hilft, können wir nicht garantieren!“

    Schließlich hatten sich um den Kern unseres ehemaligen Hauskreises herum noch zahlreiche Freunde eingereiht in die Schar der Fürbitter, mit denen wir per Internet immer wieder Kontakt aufnahmen und die ganz spürbar unsere Sorgen und Ängste mit getragen haben.

    Da gab es ein bestimmtes Treffen mit persönlichen Gebeten für unseren Kleinen und meine Frau spürte im Vorgriff, was sich dann als Art erlösende Entwicklung herausstellte.

    Am liebsten würden wir diesen Zeilen das Bild eines inzwischen eineinhalb Jahre alten, freundlich strahlenden Buben mitschicken. Man kann nur dankbar staunen, was für ein fröhliches Kind unter der verborgenen Regie Gottes sich entfaltet hat!

    Hier einer der Briefabschnitte, durch die wir mit unserem zerstreuten und erweiterten Hauskreis in Kontakt geblieben sind:

    „Es gibt eine besondere Stelle in der großartigen zweiten Sinfonie von Mendelssohn Bartholdy – wenn wir sie hören, dann tun wir uns immer noch schwer, Tränen zurückzuhalten. Wenn im letzten großen Kantatensatz der Tenor eindringlich sich steigernd singt:

    -       “Wir riefen in der Finsternis: ‚Hüter, ist die Nacht bald hin?‘ – Der Hüter aber sprach: ‚Wenn der Morgen schon kommt, so wird es doch Nacht sein! Wenn ihr schon fragt, so werdet ihr doch wiederkommen und wieder fragen: ‚Hüter, ist die Nacht bald hin?‘“

    -       Vor unser inneres Auge tritt dann - den Psalmworten folgend – eine ausgehungerte Stadt in nächtlicher Belagerung durch feindliche Truppen. Auf der Mauer halten Wächter sehnsüchtig Ausschau nach Entlastungstruppen für die Stadtbewohner.

    -       Aber diese bleiben aus – Tag um Tag, Nacht um Nacht – trotz allen Flehens – trotz aller Gebete!

    Jedes Mal wieder sind wir erschrocken, wie sehr diese Passage – wie in einem überwältigenden Resonanzgeschehen – mit unserer eigenen Grundstimmung von damals in der Tiefe zusammenklingt!

    -       Unser Innerstes lässt uns unmittelbar spüren, wie sehr auch wir noch in der Tiefe unserer derzeitigen Erleichterung zu denen zählen, die je und je neu in die Verborgenheit Gottes hinein fragen werden: “Hüter, ist die Nacht bald hin?

    -       Und wie persönlich uns die Worte des Hüters meinen: “Du wirst immer wiederkommen und wieder fragen und wirst leiden an der Erfahrung, dass Deine Suche immer wieder auf der Stelle tritt!“

    Die Bibel verbreitet an vielen Stellen und in vielen ihrer Erzählungen die Empfehlung, es lohnt sich, Gott zu suchen – aber wohl selten thematisiert sie die Qual des allzu langen Wartens auf Gott so intensiv, wie wir es im Gewand der Musik von Mendelssohn durchlebt haben!

    Wir in unserem überregionalen Hauskreis haben miteinander gewartet, gesucht, vermisst und schließlich den allzu lange verborgenen Segen Gottes gefunden! Wer das einmal durchgemacht hat, der hat gespürt: Das Harren auf den Gott des Gelingens verbraucht bisweilen viel Energie – auch Glaubensenergie! - Was aber, wenn das alles mehr Kraft erfordert als wir bereitstellen können? Ein Prediger aus Kalifornien hat diesen Zustand mit dem ihm eigenen Humor so umschrieben:

    -       „Gottes Timing kann bisweilen ungeheuer nervig sein!“

    -       Aber er hat dann flugs hinzugefügt – wohl um uns ein wenig zu trösten: “Spätestens im Rückblick erkennen wir, dass Gott nie zu spät kommt!“

    Hüter, ist die Nacht bald hin? - nach Rainer Maria Rilke:

    Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste im Herzen und im Leben! Man kann die Zeit nutzen, und immer brennender darauf schauen, was man vermisst: das Urvertrauen des Kindseins – Menschen, deren wichtige Impulse einem auf Zeit Halt und Orientierung gaben – Hoffnungslichter, die einem wenigstens auf kurze Zeit das innere Dunkel heller werden ließen!

    In diesem Prozess wächst die Dankbarkeit zugleich mit dem brennenden Vermissen! Man darf dem Schmerz seiner Fragen nicht ausweichen, denn er hält uns für das Reich göttlicher Möglichkeiten offen! Das lässt uns je und je neu versuchen, die Zeit des Fragens selbst lieb zu gewinnen!

    Wenn man auch das Fragen liebt - wenn man gespannt wird auf die Resonanz der eigenen Fragen nach göttlicher Aktivität – lebt man vielleicht allmählich – ohne es zu merken –eines nahen oder fernen Tages in die längst ersehnte Antwort hinein.

    Amen – das ist gewisslich wahr!